Blumen statt Tiere, leuchtendes, mit den Händen dick aufgetragenes Orange, Grün und Gelb statt geschüttetes oder geronnenes Rot. Die fast alle heuer entstandenen 80 Bilder der neuen Ausstellung im Nitsch Museum Mistelbach zeigen einen ungewohnten, sich selbst scheinbar neu erfindenden Nitsch. "Diese Bilder sind aber kein Abschwören - im Gegenteil", betonte der Künstler jüngst vor Journalisten. "Ein ganzes Leben habe ich mich mit Farben beschäftigt. Die Aktionsmalerei ist die erste Stufe meiner Theaterrealisierungen. Es ging mir damals wie heute um die Substanz, um die Materie der Farbe. Ich wollte in Farbe wühlen, die Farben kneten. Meine Malerei hat sehr viel mit der Ausweidung eines Tieres zu tun", so die Selbstanalyse des Künstlers, der am 29. August seinen 82. Geburtstag feiert.

Das Wühlen in Gedärmen, das Schütten von Blut und roter Farbe - das alles bekommt man in einem Nebenraum der Ausstellung zu sehen. Die Halle wird jedoch dominiert von großen, pastosen Bildern, vor denen als Teil der Installation prächtige Gladiolensträuße drapiert sind. Nitsch hat im Frühjahr bei seiner 81. und 82. Malaktion am Schüttboden seines Prinzendorfer Schlosses inspiriert und umgeben von vielen Blumen gemalt. "Man kann auch von Blumenfleisch sprechen", meinte Nitsch und zog eine Analogie zu seiner Musik, die sich vom Drama und der Katastrophe hin zu Orgelklang und Sphärenklängen entwickelt habe: "Ich hoffe, dass sich auch mein bildnerisches Werk weiter zu glühender, klingender Farbigkeit entwickelt."

Wie sehr das alles sich zu einem Gesamtkunstwerk fügt, davon bekommt man in der Kapelle des Museumsareals eine Ahnung. Hier werden in Kooperation mit dem Institut für Schallforschung entwickelte Visualisierungen von Nitsch-Sinfonien gezeigt.

Mithilfe eines Spektrogramms werden Töne und deren Frequenzen in Form von Linien dargestellt. Dazu ist auf einem Bildschirm die jeweilige Aktion zu sehen, deren Teil die Musik war. Am 25. Juli (16 Uhr) wird im Rahmen der Ausstellung durch ein Konzert von Mitgliedern des ORF Radio-Symphonieorchesters die Musik noch mehr ins Zentrum gerückt: Gespielt wird Nitschs "Moskauer Sinfonie" für Streichorchester.

In der Ausstellung sind zudem auch 290 Zeichnungen, sowie Überarbeitungen der beiden großen Rinnbilder zu sehen, die Großwerke sind bei der Museumseröffnung 2007 entstanden. Ursprünglich hätte die Schau im Mai eröffnen sollen, Corona vereitelte dieses Vorhaben ebenso wie das traditionelle Pfingstfest in Prinzendorf. Die Pandemie verhinderte aber nicht nur, sondern ermöglichte es dem Künstler auch, ungewöhnlich viel zu malen. Neben Ausstellungen in Graz, Bukarest und Neapel steht bereits jetzt die Vorbereitung für ein weiteres 6-Tage-Spiel im Zentrum von Nitschs Arbeit. 23 Jahre nach der ersten Realisierung soll sich Ende Juli 2021 in Prinzendorf erneut das Konzept seines Orgien Mysterien Theaters zu einem konzentrierten Zusammenspiel all seiner Komponenten verdichten. Nitsch arbeitet bereits intensiv an der Komposition und der Partitur des Spiels. Das "gemeinsame Seins-Erlebnis" soll noch stärker ins Zentrum rücken als 1998.

"Ich bin einen langen Weg gegangen und bin jetzt da angekommen", resümiert Hermann Nitsch. "Ich liebe das Leben. Ich zelebriere das Leben."