Der Titel der Ausstellung mit "heißen" Bildern von Martin Praska ist vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß: "Baby, it’s cold outside." Besonders weil es inzwischen ziemlich warm draußen ist. Wegen dieser saisonalen Erderwärmung, auch bekannt als: Sommer.

Außerdem heißt ein Duett ebenfalls so (ein Winter-Song mit Kaminfeuer und Hormonen drinnen und Blizzard draußen) und das ist seit MeToo immerhin geächtet. (Praska: "Weil das so eine verkappte Vergewaltigung sein soll.") Nein bedeutet eben nein, und da darf der Mann die Frau, die eigentlich heim will, nicht einfach mit dem Hinweis aufs ungemütliche Wetter umzustimmen versuchen ("The answer is no." – "But Baby, it’s cold outside!"), selbst wenn er so schön und kuschelig singen kann wie Dean Martin. Aber beim Joggen hat der Dean Martin Praska, Tschuldigung: OHNE Dean, halt damals wirklich gefroren, als er darüber nachgedacht hat, wie er seine Soloshow in der Galerie Gans mit viel nackter Haut denn nun nennen soll. He, wie wär’s mit dem Naheliegendsten: Baby, there’s corona outside? Was der UNTERTITEL verspricht ("Landschaften und bloße Haut"), wird jedenfalls gehalten. (Praska: "Die üblichen Praska-Voyeurismen.")

Stammt die Pop-Art aus der Dürerzeit?

Bleiben wir trotzdem noch kurz im Freien. Drüben auf der andern Straßenseite, in einem Schaufenster, gibt’s nämlich einen Dürer-Holzschnitt. Beziehungsweise einen Ausschnitt daraus. Da hat der berüchtigte Voyeur bei der "Heiligen Familie mit den drei Hasen" tabulos in eine entlegene Region weit abseits der Action gespechtelt, in den Hintergrund hineingezoomt und auf einem Hügel ein mysteriöses Detail entdeckt: einen Monolithen. Wie im Sci-Fi-Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum". Nur ist DER hier nicht schwarz, sondern golden. Ein riesiges Zippo. Nein, natürlich hat ER das dort platziert. Samt kitschigem Regenbogen und ein paar Comic-Wolken. Ach, soll das ein Geständnis sein, dass er sich gern einmal einen Joint anzündet? Oder unterstellt er solches gar dem alten Meister? (Nicht zuletzt hat dieser ein "Großes Hasenstück", hoppala: "Rasenstück", aquarelliert. Und was wächst da? Gras!) Blödsinn. Er outet diesen lediglich als heimlichen Pop-Art-Künstler. Könnte fast eine Landschaft von Roy Lichtenstein sein. Mit einem Zippo als moderner, hermetischer Architektur. Moment: Tankt dieses Sturmfeuerzeug nicht Benzin? Pfui! Ist nicht sehr öko. Nicht, dass dem Zuag’rasten aus Deutschland das Klima völlig wurscht wäre. Ein Opus trägt schließlich den Titel "CO2", hallo? Äh, und wie soll ein Rückenakt die Erderwärmung aufhalten? DER doch nicht. Der gemalte Gummibaum daneben. Respektive jener, der dem Maler Modell gestanden ist und der hoffentlich nach wie vor fleißig das Molekül des Bösen aus der Luft filtert.

Mal doch mal ein Muttermal

Paar mit genau drei Gemeinsamkeiten: "Hats, Hands andKnees" (von Martin Praska). 
- © Galerie Gans

Paar mit genau drei Gemeinsamkeiten: "Hats, Hands andKnees" (von Martin Praska).

- © Galerie Gans

So, jetzt aber rein. Oh, noch ein Dürer. Dass auf dem Original der Samson seine Löwentötershow abzieht, entlockt dem Praska freilich nicht einmal ein müdes Pinselzucken. Lieber lässt er rosa Wolken mit obszönen Fortsätzen (Befriedigungsvorrichtungen? Nasen? Zitzen?) romantisch in der Ferne über die Stadt ziehen. Amorphe Meisterinnen der suggestiven Assoziation. Und sonst? Überall ein Kokettieren und Flirten mit der politischen Unkorrektheit. Einer Nackerten hat der Maler etwa ein Kreuz auf eine unchristliche Stelle tätowiert. In gefährlicher Nähe zum Gesäß. ("Silly Tattoo.") Und auf der Pobacke bringt er die Erotik gleich überhaupt auf den Punkt. Fokussiert die Aufmerksamkeit des Betrachters/der Betrachterin unwiderstehlich auf dieses nulldimensionale geometrische Objekt. Soll das dieser ominöse G-Punkt sein? Oder die nackte Singularität der Fleischeslust? Wohl eher ein Muttermal. Oder ein Schönheitspflästerchen. Seine "Madame Popadour" (Pardon, Freudscher Verschreiber: "Po-m-padour") hat genauso eins. Ihre Proportionen sind allerdings dermaßen in die Länge gezogen (ein bissl ein Manierist ist der eingewienerte Deutsche offenbar auch), dass man sie bloß von der Seite "richtig" sieht. Dann staucht sich obendrein das Oval um sie herum zum perfekten Kreis, dieses Guckloch des barocken Spechtlers, wobei dieser da mehr auf schlanke Staturen steht. Ohne Rubens-Cellulite. Ein Gemälde für enge Verhältnisse. Für Problemwände mit wenig Platz davor. Weil normalerweise betrachtet man Bilder ja von vorn. Doch was ist schon normal bei jemandem, der sich die Frauen gern von hinten anschaut? (Vermutlich eh alles.)

Eindeutig einer von den Guten. Von den GUTEN Bösen. Womöglich sogar ein FEMINISTISCHER Macho. Zumindest verteidigt er die Ehre der Blumen. Das sind nämlich nicht lauter Flittchen, die dauernd auf Blümchensex aus sind. In "Bee there!" (klingt nach einem Warnruf: Biene! Dort!) verschließen sich die Blüten keusch dem nahenden Insekt. Auf der Post-#BeeToo-Wiese lässt man sich neuerdings diese ungefragten Bestäubungen und den dreisten Pollenraub halt anscheinend nimmer gefallen. Die Biene kann ihnen ja was summen, um sie zugänglicher zu machen. "Let’s Do It, Let’s Fall in Love", zum Beispiel. ("Birds Do It, Bees Do It . . .")

Wer kriegt die ganze Kunst in ein einziges Bild rein?

Auf jeden Fall ist der Martin Praska einer, der gut malt. Und dessen versierter Pinsel die glänzende Glätte von klassischen Staubfängern, von Nippel-, ups: Nippeskitsch, mit derselben sinnlichen Intensität und Intimität schildert wie die samtige Haut. (Humor hat er sowieso.) Parship hätte die sexy Lady und den Porzellan-Seppl wahrscheinlich NICHT verkuppelt, obwohl die beiden durchaus Gemeinsamkeiten haben und die werden im Bildtitel allesamt aufgezählt: "Hats, Hands and Knees." Sie verfügen also über Hüte, Hände und scheuen sich nicht, Knie zu zeigen. Diese Malerei spielt alle Stückln und alle Stile. Ist eine verwegene Mischung aus gegenständlicher Kunst bis hin zum Fotorealismus, aus abstraktem und nicht abstraktem Expressionismus, geometrischer Abstraktion und Pop-Art. Denn nach dem Kunststudium hat sich der Praska in alle möglichen Richtungen orientiert (oder desorientiert), bis ihm eine Galerie geraten hat, besser bei einer Sache zu bleiben, so wären seine Bilder leichter zu verkaufen. "Da hab ich mir gedacht, ich mal das alles auf EIN Bild. Vielleicht passt’s DANN." Ja, passt.

Begonnen wird stets wild. Mit einer "Mördersauerei". ("Das Leben als abstrakter Expressionist ist AUCH kein Zuckerschlecken. Immer angepatzt, immer voller Farb‘, immer Chaos im Atelier.") Er lässt es rinnen, kleckst herum, panta rhei. "Und dann bin ich wieder der Dr. Jekyll." Jede Geste, jede Ekstase wird sogleich mit einer sauberen Umrisslinie gebändigt, die rausgelassene Sau wieder zurück in den Stall getrieben, der Mr. Hyde von seinem Herrchen zurückgepfiffen. (Hört sich irgendwie nach einem zwangsneurotischen Ordnungsfanatiker an.) Geile Hybriden jedenfalls.