"RED" – kurz für: Retired Extremely Dangerous? Also, im Ruhestand und extrem gefährlich wie die Pensionisten in dieser Agenten-Komödie mit Bruce Willis, die erst ab 16 freigegeben ist? Nein, englisch für: Rot. Wie diese Farbe (warm, sinnlich, politisch, religiös, voller Leben, Leidenschaft und Wut), ohne die wir nicht existieren können. Jedenfalls nicht ohne die fünf bis sechs Liter davon in unseren Adern. (Und diese Farbe hat KEINE Altersbeschränkung. Die kann man ab frühester Kindheit sehen.)

Gefährlich rot: "MARX" (2012) von GabrieleSeethaler. 
- © Gabriele Seethaler, Courtesy: Suppan Fine Arts Wien

Gefährlich rot: "MARX" (2012) von GabrieleSeethaler.

- © Gabriele Seethaler, Courtesy: Suppan Fine Arts Wien

Über die alles andere als blasse Ausstellung, die die Wände von Suppan Fine Arts zum Erröten bringt (mit Figurativem und Abstraktem, Malerei, Fotografie und Druckgrafik), freuen sich also die L-Zapfen ganz besonders. (Die rotempfindlichen Sehzellen auf der Netzhaut.) Bruce Willis spielt zwar NICHT mit, aber dafür eine verrucht rote Marlene Dietrich (bearbeitet von Jeanne Szilet). Oder Karl Marx. Seinem monumentalen Bronzekopf aus Chemnitz hat Gabriele Seethaler in ihrem ikonisch strengen C-Print eine leicht unterkühlte Röte ins imposant bärtige Gesicht getrieben und die Tafel dahinter mit dem bekannten Aufruf aus dem "Kommunistischen Manifest" ("Proletarier aller Länder, vereinigt euch!") gleich mit eingefärbt.

Kussechter und bissfester Lippenstift

Hildegard Joos spielt "Schach mit rotem Kreuz"(circa 1982). 
- © Suppan Fine Arts Wien

Hildegard Joos spielt "Schach mit rotem Kreuz"(circa 1982).

- © Suppan Fine Arts Wien

Erotik: In der steckt das Rot (Eros ist Eros ist Eros ist rot) genauso drin wie in der Leidenschaft das Leid. Peter Sengl lebt seine dekorativen Sadomaso-Fantasien mit Schrauben, schönen Frauen und exotischen Tieren bewährt souverän vor einem schmerzroten Hintergrund aus, bei Bettina Rheims und ihrer perfekt für die Fotokamera inszenierten Sinnlichkeit verbeißen sich verboten rote Lippen in einen lesbischen Glamour-Kuss. (Offenbar tragen die Gina und die Elizabeth einen kussechten und bissfesten Lippenstift.) Hugo Puck Dachinger wiederum ritzt die eleganten Konturen seiner klassisch modernen Akte präzise in die Farbhaut.

Abstrakt ist sowieso relativ. Der chaotische Haufen aus zum Teil verbogenen, kommunismusroten Balken, den Florentina Pakosta 1989, im Jahr, als sich der Eiserne Vorhang endgültig verzog, akkurat gemalt hat, stellt nämlich sehr wohl etwas dar. Symbolisch. Da ist nicht einfach die konstruktivistische Kunst kollabiert, das ist der "Zusammenbruch der Ostblockstaaten" (und zugleich ein künstlerischer Umbruch im Werk der Künstlerin, ihr erstes Bild aus der trikoloren Reihe). Eine Botschaft scheint auch die sanft vibrierende, energetisch aufgeladene Monochromie von Hildegard Joos zu haben. Ihre geheimnisvolle "Raumnarration". Die rätselhaften "narrativen Geometrismen" im linken oberen Eck haben zumindest was von einer archaischen Bilderschrift. Schaulust für Fortgeschrittene (ein echtes Schmankerl): Victor Vasarelys "Hommage a l’Hexagon" von circa 1968. Signalrote Akzente hüpfen kreuz und quer über die gewürfelte Fläche, durch den Illusionsraum mit raffiniert verwirrenden Op-Art-Effekten. Bunte Makellosigkeit in Acryl auf Acrylplatte.

Schaulust für Fortgeschrittene: Victor Vasarelys Op-Art("Hommage a l'Hexagon", etwa 1968). 
- © Bildrecht Wien, Courtesy: Suppan Fine Arts Wien

Schaulust für Fortgeschrittene: Victor Vasarelys Op-Art("Hommage a l'Hexagon", etwa 1968).

- © Bildrecht Wien, Courtesy: Suppan Fine Arts Wien

Mit dem roten Kreuz von Matko Trebotic (fahrig vollgekritzelt mit skripturalen Linien, als wären’s Notizen aus dem Unterbewusstsein) und mit der emotionalen Wucht der ekstatischen Gesten eines Hermann Nitsch, dessen Leinwände meist gut durchblutet sind, durchtränkt mit Opferblut (okay, die hier bluten viel zurückhaltender), wird der letzte Raum regelrecht zur Kapelle, zu einem Ort der Andacht.

Bei einem Nitsch oder Frohner ist die temperamentvolle Farbe ja keine große Überraschung. Einen so apokalyptisch roten Staudacher sieht man allerdings nicht alle Tage.