Oswald Tschirtner (1920-2007) war der Minimalist unter den drei Starkünstlern des Psychiaters Leo Navratil. Er kam nach acht Jahren in Wiener Kliniken 1954 im Winter nach Gugging, wo er nach Angabe eines Themas durch den Arzt besonders ab den 1970er Jahren mit Tusche und Feder Menschen und Tiere in Form von Kopffüßlern zeichnete, in den späten Jahren ersetzten Filzstift und Permanentmarker diese Technik der feinen Linien. Selten verwendete er Farbe, und auf die Frage, warum er Schwarz-Weiß bevorzuge, antwortete er, er selbst sei so. Kunstkritiker Kristian Sotriffer und Künstler wie Peter Pongratz, Arnulf Rainer oder André Heller erkannten seine hohe künstlerische Qualität schneller als Navratil, arbeiteten mit ihm, und auch in späteren Jahren hatte Tschirtner weltweit Fans, darunter David Bowie und die Mitglieder der Band Einstürzende Neubauten.

"Besser gesittet als wir"

Die Personale mit dem Untertitel "das ganze beruht auf gleichgewicht" im Gugging Museum bezieht sich auf Tschirtners Zeichnung eines Adlers, den er wie alles in der Welt friedlich, aggressions- und geschlechtslos auf einem Blatt gestaltet und zusätzlich beschrieben hat. Sein "Schneefall" 1972 hält sich an die heilige Ordnung der Geometrie und die besondere Gabe des Künstlers, jede weiße Fläche optimal zu füllen. Navratils Vorgabe für künstlerisch tätige Patienten wurde anfangs nur in kleinem Format, nämlich in Postkartengröße, ausgeführt; viele dieser frühen Werke des Künstlers sind nun vorübergehend als Leihgaben aus Sammlungen in aller Welt zurückgekehrt. Ab den 80er Jahren förderte Johann Feilacher Tschirtners Arbeiten im Großformat auf Leinwand, auch Wandgestaltungen. Dabei wurde sogar die Arbeit am Gerüst möglich, obwohl er angab, dass ihm an sich der Boden leicht unter den Füßen entglitt.

Er ist "besser gesittet als wir", sagte sein Zimmerkollege, der Gugginger Dichter Ernst Herbeck, der auch die Aufforderung seines Arztes zum Schreiben erwartete; frei künstlerisch tätig waren neben beiden Tschirtners Freund und Antipode Johann Hauser und der überlebende Zögling des Psychiaters Heinrich Gross am Spiegelgrund, August Walla.

Von Stalingrad ins Lager

Tschirtners Konstitution hatte wahrscheinlich mit schrecklichen Erlebnissen im Weltkrieg zu tun. Grundsätzlich war der in Perchtoldsdorf geborene Friedenssucher nach der Matura im geistlichen Knabenseminar von Hollabrunn geprägt vom Wunsch, Theologe zu werden. Doch die Nationalsozialisten verdonnerten ihn zu "Reichsarbeitsdienst" und ab 1942 zur Arbeit als Funker in der Wehrmacht, im Gefolge von General Paulus kam er nach Stalingrad. Es ist vermutlich auf die Unmöglichkeit, Befehle zu verweigern, zurückzuführen, dass Tschirtner danach keine Entscheidung mehr fällte.

1945 geriet er in Gefangenschaft in Südfrankreich, das Lager verließ er nach einem Jahr Hungern bereits in geistig verwirrtem Zustand, Richtung Österreich abgeschoben. Seine gezeichneten Themen waren neben Religion ein Kosmos der Menschen im Frieden, auch als Schwimmer - immer mit langen Armen, um das Umfallen zu verhindern, ohne Geschlecht und Thorax. Tschirtner schloss sie auch ein in den Körper eines Tieres, den er 1979 die "Die Stute Psychiatrie" nannte. Was dabei die Vorgabe war, bleibt rätselhaft, die Stute wirkt wie ein Schutztier aus ähnlich schönen "Schutzmantelmadonna"-Entwürfen.

Tschirtner ging zu den Messen der Pfarre Gugging, löste Kreuzworträtsel und schrieb in seiner Selbstbiografie, dass er wohl ein braver Pfarrer geworden wäre ohne Kunst. Die unsterbliche Seele und ihre Sehnsüchte verband er mit Vögeln, zeichnete Mutterstörche, die Herzen der Menschen, sich versöhnlich Berührende, aber auch Massenszenen wie 1996 "Der große Horizont" oder 1980 "Die Erdkugel mit Menschen".

Wenn ihm Navratil oder Feilacher Vorlagen aus der Kunstgeschichte vorlegten, wandelte er diese in seine typischen Kopffüßler-Wesen um, dem "Feldhasen" Dürers verpasste er ein schwarzes Fell. Bis in die Antike zu den Pyramiden und den prähistorischen Venusgestalten zurück breitete er seine persönlichen Mythen aus, spät genoss er es, Prozessionen auf Leinwand zu konzipieren, aber auch leere Landschaften aus drei Strichen oder zwei blaue Schlitze mit Wimpern als Augen ohne weitere Zutat auf Blatt zu bannen.