Seit 2002 lebt der in Kapstadt geborene Robin Rhode zwischen Berlin und Johannesburg, 2018 wurde die kollaborative künstlerische Arbeit, die er an der Hausmauer einer ehemaligen Bäckerei im Bezirk Westbury, dem ehemaligen Sophiatown, begonnen hat, zu gefährlich. Der Künstler hat zuletzt seine politischen Intentionen im palästinensischen Autonomiegebiet in Jericho fortgesetzt, seit 2014 nützt er auch eine Wand in Berlin für seine Kombination aus Wandzeichnung und Performance, bei der die filmische oder fotografische Dokumentation das Wesentliche darstellt. Seine Crew von bis zu 18 Personen aus dem Umfeld des Kulturbezirks für Jazz und Literatur in Johannesburg musste er wegen wieder aufkommender Banden- und Drogenkriminalität aufgeben.

Multimedialer Konzeptkünstler

Rhode übernimmt Zitate aus der Street Art eines Keith Haring, aber auch aus der klassischen Kunstgeschichte von Albrecht Dürer über Sol LeWitt, Marcel Duchamp oder auch von antiken Mosaiken, ist aber multimedial unterwegs, und wohl eher als Konzeptkünstler mit akrobatischen Performanceeinlagen zu bezeichnen. Er absolvierte ein Kunststudium an der Universität in Johannesburg, im Postgraduiertenprogramm auch Film und Dramatische Kunst. In der Kunsthalle Wien war er 2010 in der Schau über "Street & Studio" um Jean-Michel Basquiat vertreten. Seine aktuelle Ausstellungsliste weist ihn als international gefeierten Star aus: Vom MoMa in New York City über das Centre Pompidou in Paris, die Tate Modern London, das Haus der Kunst in München bis nach Australien und Japan hat er viele große Häuser bespielt.

"Melancholia" (2019). - © Robin Rhode
"Melancholia" (2019). - © Robin Rhode

Die begleitende Musik ist nicht nur in den digital animierten Bewegungen seiner Filme und Diasec- oder C-Print-Serien präsent, "Piano Chair" von 2011 handelt vom tragischen Tod eines Jazz-Pianisten, der in der in heiter anmutender Bildfolge sein Klavier anzündet und über den Sessel hochhebt. Anfangs performte Rhode selbst, seit 2007 überlässt er die energiegeladenen Auftritte Maxime Scheepers und Kevin Narain. Er hat vier Zeichner im Team, die Aufnahmen koordiniert sein Bruder Wesley. Anfangs hatte auch der Vater mitgewirkt in der farbenstarken Serie "Geometry of Colour", in der auch Josef Albers und Johannes Ittens Farbenlehre wichtig sind, kombiniert mit Rasenmähern, Stühlen, Flügeln und Federn.

Verführerischer Realismus

"Twilight" (2012). - © Robin Rhode
"Twilight" (2012). - © Robin Rhode

Wenn Rhode 2002 in "Classic Bike" noch selbst performte, um seine mit Kreide gezeichneten Objekte wie ein Reck, einen Plattenspieler oder ein Fahrrad, mischen sich Zitate aus der Kunstgeschichte mit Tanz-Einlagen slapstickartig zu einem verführerischen Realismus, der viel Melancholie einfließen lässt. Der Mensch und sein Motiv sind Mittelpunkt wie einst der Mann in Kreis und Quadrat von Leonardo da Vinci. Ziegel können neben wunderbarer Farbgeometrie zur Fahne wie zur Mauer wachsen, ein Kamm Muster bilden. Auch wenn es um das westliche Zitat eines ehemals magischen Bildakts geht, der die Moderne auffrischte, ist der postkoloniale Impetus mit Sprachwitz und bunten Farben stärker, denn Rhode formuliert keine Anklage. Trotzdem stammt der Titel der Schau "Memory Is The Weapon" von Don Mattera, einem im Gefängnis gefolterten Dichter-Aktivisten in Zeiten der Apartheid. Zudem verwendet er weitere verbotene Literatinnen dieser Jahre, deren Texte zu "Fate of Destiny" gelesen werden - das Publikum sieht im Oberlichtsaal der Kunsthalle auf der einen Seite weiß gestrichenes Spielplatz-Gestänge als Käfig im schwarzen Raum. Am Monitor daneben ist die Performance mit den begleitenden Lesungen zu sehen. Die Musik von Giuseppe Verdis Oper "Macht des Schicksals" untermalt afrikanische Verhältnisse.

"Piano Chair" (2011). - © Robin Rhode
"Piano Chair" (2011). - © Robin Rhode

1976 bis 1994 erlebte der Sohn eines Ingenieurs einer Minengesellschaft und einer Näherin, als Vertreter der gemischten "Twilight People" die Apartheid-Regierung, wobei ihm Rassismus vor allem beim Kricket begegnete. Man lernen durch ihn, dass Fahrrad und Kamm auch zu geistigen "Waffen" in Motiven der Erinnerung werden: Weiße Soldaten bekamen in Südafrika nach dem Zweiten Weltkrieg Land, Schwarze ein Fahrrad. Kämme unterscheiden sich, ob sie leicht durchs Haar gehen oder schwer beim gekräuselten Haar der Schwarzen. Daneben nutzt Rhode auch romantische Motive wie die Nacht und den Mond, den Regen, Möbel und Instrumente, aber er kombiniert sie mit persönlichen Geschichten unglücklicher Liebender oder Unterdrückter.

Wenn eine Palästinenserin in Jericho Dürers Polyeder aus dem Kupferstich mit der Figur der "Melancholia" 2019 wie einen Drachen an einer Mauer in vier Phasen steigen lässt, vereinen sich Kulturen, Motive, Musik, Farbsymbolik und Performance in ein tröstendes "Chaos mit den Mitteln der Kunst". Im Werk Rhodes ist die westliche zugunsten einer internationalen Moderne überwunden.