Dieses Bild haben sicher mehr Leute live gesehen als die Mona Lisa. No na, schließlich haben sie sich lediglich auf die eigene Wohnzimmercouch setzen müssen, um es zu betrachten. Wenn grad nix im Fernsehen gelaufen ist (damals, als es noch einen Sendeschluss gegeben hat – einen was?), ist nämlich bekanntlich nicht die Ikone des Lächelns ausgestrahlt worden (wäre das nicht das Smiley?), sondern – das Testbild.

Testen, testen, testen, das hört man jetzt zwar ebenfalls dauernd, aber ausnahmsweise geht’s einmal nicht um irgendein Virus (und wie sollte man das auch mithilfe von abstrakter Kunst, also einer bunten Grafik voller Kreise und Balken nachweisen können?), vielmehr war das streng geometrische Bild, das in der Welt der bewegten Bilder immer standhaft stillgehalten hat, dazu da, die Bildqualität von TV-Geräten zu überprüfen, Kontrast, Schärfe und dergleichen zu justieren. In der Galerie Kandlhofer ("No Signal") hat dieses Relikt aus vergangenen Tagen sogar Fransen wie ein Teppich, weil der mexikanische Künstler G.T. Pellizzi (G.T. steht für Giandomenico Tonatiuh) diverse Varianten davon ("unser" klassisches Philips-Testbild, das amerikanische und das sowjetische aus der Schwarzweiß-Ära . . .) in traditioneller Handarbeit kopieren hat lassen. Und nicht von irgendwem. Von Indigenen aus der Andenregion, aus Ayacucho im peruanischen Hochland. (Ayacucho heißt übrigens so viel wie "Winkel der Toten" und die Guerilla- und Terrororganisation "Leuchtender Pfad" hatte hier ihren Ursprung.)

Der Häuptling ist scharf

Quasi gewobene Erinnerungen sind diese Tapisserien, diese Wandteppiche, die flacher sind als Flachbildfernseher. Aufzeichnungen aus natürlich gefärbter Schafswolle. Erzählen von Dingen, die bereits Geschichte sind, vom Röhrenfernseher, einer Zeit vor der 24/7-Ära, vor dieser Rund-um-die-Uhr-Welt ohne Sendepause, vor der Dauerberieselung mit Werbung und Wiederholungen, als noch eine UdSSR existierte und die USA die Helligkeit und die Kontraste IHRER analogen Fernsehbilder mit dem "Indian Head" kalibrierten, das Porträt des Indianerhäuptlings geradezu zum Symbol der nationalen Identität wurde, während die ECHTEN Indianer Bürger zweiter Klasse waren, und das Fernsehformat war noch vier zu drei. Moment, warum sind manche der Teppich-Testbilder dann trotzdem im aktuellen Breitbildformat? Weil sie vom Einstellen UND von Einstellungen handeln? Und Letztere oft ziemlich hartnäckig sind? Rückständiger als der technische Fortschritt? Zum Beispiel dieser Sehtest für die Filmkamera: eine lachende weiße Brünette (okay, ausnahmsweise ein Hochformat). Offenbar wurden (und werden?) helle Hauttöne vom Film besser gesehen als dunkle und somit deutlich bevorzugt.

Als Amerika noch schwarzweiß war: G.T. Pellizzi hat das US-Testbild mit dem "Indian Head" in Peru weben lassen. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel

Als Amerika noch schwarzweiß war: G.T. Pellizzi hat das US-Testbild mit dem "Indian Head" in Peru weben lassen.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel

Die Kunst des 1978 in Mexiko geborenen und dort sowie in den USA aufgewachsenen Sohnes zweier Anthropologen, der zunächst Philosophie und später Architektur studiert hat, macht die Realität unaufgeregt und ohne moralischen Zeigefinger sichtbar, regt zum Denken an über kulturelle Identität, unterschwellig transportierten Rassismus, die Medien, Kommunikation. Und manche erinnern sich vielleicht gar nostalgisch an Kulturtechniken, die langsam verlernt werden, wie: oben aufs Fernsehkastl draufhauen, wenn es wieder flimmert oder sonst wie spinnt. (Moderne Flat-Screens wären ja schon einmal schlichtweg zu schmal für diese bewährte Reparaturmethode.) Unkritisch und unpolitisch sind G.T. Pellizzis Arbeiten eigentlich eh nie. 2013 hat er etwa in einer New Yorker Galerie die bemalten Wände zum Quadratmeterpreis einer Immobilie an der Lower Eastside verkauft. (Nein, nicht die Galeriewände selbst, die Wände eines eigens errichteten Raumes im Raum.)

Brennen für Mondrian

Nicht, dass man sich nicht auch einfach an den bunten Lamperln an den Wänden erfreuen dürfte. (Stimmungsminimalismus?) Rot, Gelb, Blau – he, die Primärfarben! Allerdings die falschen. Zumindest nicht die des Fernsehens, das seine Farben additiv mischt (aus Rot, GRÜN und Blau), sondern die der Malerei. Doch ein bissl brennen diese reduzierten Lichtskulpturen, die alte Schaltdiagramme zitieren, ja für Mondrian mit seinen Rastern und rechten Winkeln und der WAR ein Maler. Barnett Newmans legendäre Frage ("Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue?") beantworten sie jedenfalls eindeutig: G.T. Pellizzi hat KEINE Angst.