Ein Österreicher und ein Deutscher. Der eine MALT Bilder, der andre HAUT sie. Wobei ein Bildhauer natürlich nicht wirklich einer ist, der Bilder verprügelt, sondern einer, der Skulpturen macht, und dieser hier schlägt sie außerdem aus keinem Stein, er GIESST sie. (Nein, nicht wie die Blumen. In BRONZE vorzugsweise.) Nächstes Jahr werden zufällig beide 70, doch viel interessanter ist ohnedies, was sie derzeit gemeinsam in der Galerie Sturm & Schober machen: ausstellen. Und ihre Arbeiten passen sensationell gut zusammen. Sind wie füreinander geschaffen.

Wer braucht schon andere für eine Gruppenausstellung?

Ob sie tatsächlich nur zu zweit sind, darüber lässt sich freilich streiten. Norbert Fleischmann, ein gebürtiger Wiener und ehemaliger Hausner-Schüler, der im niederösterreichischen Langenlois lebt, arbeitet und einen Kunstraum betreibt (mit Christina Lackner, seiner Frau), ist Maler, aber eigentlich ist er nicht bloß einer, er ist gleich mehrere davon. Ein MULTIPLER Maler sozusagen, der ganz allein eine Gruppenausstellung bestreiten könnte. Diverseste alt- und neumeisterliche Techniken und Stile der Kunstgeschichte kriegt er mit derselben technischen Perfektion hin (stets farblich zurückhaltend): gegenständlich, abstrakt, fotorealistisch (sein Interieur mit Teppichen und Bücherwand – "tappeti e libri" – hat allerdings mehr was von einem Fotokopie-Realismus, als hätte ein Kopierer ein historisches Schwarzweißfoto reproduziert), sinnlich diffuse monochrome Farbräume, Konzeptkunst, Minimalismus . . . – hab ich noch etwas vergessen? Wahrscheinlich. Vielleicht ist seine Kunstrichtung ja einfach der Perfektionismus.

Gelenkige grüne Fee: Jo Schöpfer bringt die Bronze inSchwung ("Absinth III"). 
 
- © Copyright: Helmut Spudich

Gelenkige grüne Fee: Jo Schöpfer bringt die Bronze inSchwung ("Absinth III").

- © Copyright: Helmut Spudich

Aus dem Spiegelsaal (dem Goldkabinett) des Palais Herberstein in Graz, einer Dependance des Universalmuseums Joanneum, macht er eine nuancenreich dekadente Delikatesse aus Licht, Schatten, Reflexionen und Rokoko ("heat"), das Wasser eines Brunnens verwandelt sich in der Dunkelheit gleich gänzlich in Licht, das dramatisch in ein Becken fließt und tropft ("pass"), ein Vorhangstoff wellt sich zu einem irisierenden Muster ("iridescente"), Blattgold bricht aus der disziplinierten Linienkomposition aus und probt schüchtern den gestischen Aufstand ("exakt – schlampig").

Sein Pinsel ist wahrlich kein Analphabet

Wie essenziell das handwerkliche Rüstzeug ist (und dass das Thema seiner Kunst immer auch die Malerei selbst ist), veranschaulicht der Künstler mit geradezu genialer Konsequenz, indem er ein Lehrbuch aufschlägt (das Standardwerk "Malmaterial und seine Verwendung im Bilde" des Malers, Restaurators und Professors für Maltechnik Max Doerner, erstmals erschienen 1921) und das komplette Druckwerk dann kurzerhand (obwohl: kurz hat das sicher NICHT gedauert) – abmalt. Okay, die Titelseite, den Rest hat sein Pinsel lediglich von außen "gelesen". Aber das dafür so glaubwürdig, dass man das Gefühl hat, man könne die Seiten eh umblättern beziehungsweise zumindest am heraushängenden Lesebändchen ziehen. Mit dem edlen Goldrahmen und der nicht unbedingt zeitgenössischen Technik (Tempera, Harzöl und Blattgold auf Gipsgrund) könnte sich das Gemälde locker ins Kunsthistorische Museum hineintarnen. Selbstbewusst hat der Maler übrigens nicht das BILD signiert (na ja, auf dem finstern Hintergrund hätte die Signatur schließlich sowieso niemand gesehen), sondern das Buch. Hat seinen Namen frech in Druckbuchstaben dazugeschummelt. Trotzdem nicht sein "egoistischstes" Opus.

Wie nennt man das nämlich, wenn ein Bild, das doch angeblich mehr als 1000 Worte sagt, nichts weiter herausbringt als "ich"? Konzeptueller Narzissmus? Oder ist das ein konzeptuelles Selbstporträt? Konzeptuelle Selbst-IRONIE? Oder stellt das vielmehr die psychische Trinität des Künstlers dar, und das obskure glänzende Schwarz hinterm vergoldeten Personalpronomen ist das Es? Ach, und wo ist das Über-Ich? Das sind selbstverständlich die Kunstkritiker. (Blöde Frage.) Und alle, die das Bild betrachten und sich darin spiegeln.

Tanzen mit der grünen Fee

Und Jo Schöpfer? (Mit DEM Nachnamen hat man ja fast keine andere WAHL, als Künstler zu werden. – Oder ein Gott.) 1951 in Coburg geboren, lebt und erschafft er mittlerweile in Berlin. "Eher ein Raumbildner als ein Bildhauer", meint Ralf Christofori in seiner coronabedingt "ungehaltenen Eröffnungsrede", die jetzt doch noch per YouTube nach Österreich einreisen hat können. Die offenen, luft-, licht- und blickdurchlässigen Metallobjekte, Gerüste, die eine Form locker definieren oder strenge architektonische Käfige für den Raum sind, ohne diesen aber hermetisch einzusperren, halten angeregt Zwiesprache mit dem realen Raum der Galerie und dem gemalten der Bilder von Norbert Fleischmann. Komplexe Linien, dynamische Flächen (paraventartig gefaltet oder unorthodox zu einer Box zusammengezimmert). Ein handliches leeres "Regal" des Deutschen gesellt sich an der Wand zum mit Acrylfarbe gefüllten des Österreichers. Und eine Französin schwingt dazu quasi die Hüften. (Oder eine Schweizerin? Erfunden sollen den als grüne Fee bespitznamsten Absinth jedenfalls die Eidgenossen haben.)

Die vermeintlich simpel aus Wellpappestreifen konstruierte und in Bronze gegossene Amphore "Absinth III" (mit passender grüner Patina) ist überhaupt sehr bewegend. Zwangsläufig kreist man um dieses Prachtstück herum, weil sich der Tanz der grünen Fee nicht von einer Seite allein erfassen lässt. Nicht einmal von allen Seiten zusammen. Schwindelt die Kunst also nicht nur, gaukelt Tiefe vor, wo keine ist (auf der Bildfläche), MACHT sie obendrein schwindlig? Definitiv.