Hirte, Hippo, Hund, Houses, nämlich "FIRST Houses" (wie die ersten Sozialbauten aus den 1930er Jahren in der Lower East Side in New York, und das ist auch der Titel der Ausstellung) – lauter Wörter mit H, was aber blanker Zufall ist. Dass in der Galerie Emanuel Layr rätselhafte Objekte herumstehen und -liegen, ist dagegen volle Absicht.

Ein Torso mit Nackenfalten und mysteriösen Löchern zum Beispiel. Und mit einer Einbuchtung für . . . irgendwas, das noch fehlt. (Für ein Becken?) Benjamin Hirte bezieht sich da auf ein Nilpferd (eines aus Stein), das vor einem Gemeindebau in Wien auf dem Trockenen hockt, und macht einen Verbesserungsvorschlag, macht ein Versprechen aus rotem Mainsandstein daraus, eine (unfertige) Brunnenfigur, die Wasserspiele und Kühlung verheißt: "Fountain for Erdbergstraße" (und "Fountain" bedeutet bekanntlich Brunnen). Die echten Hippos sind ja ebenfalls ziemlich wasserliebend, und das aus der Erdbergstraße wäre durch den Einbau einer Brunnenfunktion endlich mit seinem Element vereint.

Der Abfall erzählt eine Geschichte vom Gemeindebau:"Für Ihre Lieben" von Benjamin Hirte. 
Foto: kunst-dokumentation.com,  
- © Copyright: Benjamin Hirte und Galerie Emanuel Layr

Der Abfall erzählt eine Geschichte vom Gemeindebau:"Für Ihre Lieben" von Benjamin Hirte.

Foto: kunst-dokumentation.com

- © Copyright: Benjamin Hirte und Galerie Emanuel Layr

Das Styropor muss selber auf sich aufpassen

Dann dieser "abstrakte" Styroporklumpen. Plötzlich erkennt man eine Hundeschnauze. Und tatsächlich handelt es sich um einen "Greyhound", einen Windhund, freilich sprintet er nicht agil davon wie auf dem Logo eines amerikanischen Fernbusunternehmens, sondern kauert sich bis zur amorphen Unkenntlichkeit zusammen. Genau so einen hat Hirte, der die letzten zwei Jahre hauptsächlich in New York gelebt hat, dort auf der Straße gefunden. In unmittelbarer Nähe zu den "First Houses". Er hat ihn, eine Skulptur übrigens, kein echter Hund, mit seinem Handy eingescannt (dafür gibt’s eine App – no na, wofür nicht?) und nachher diese Kopie aus einem beliebten Verpackungsmaterial gefräst, das normalerweise die Sachen schützt, die einem EIGENTLICH wichtig sind. Hier muss es offenbar selber auf sich aufpassen, das Styropor.

"Fountain for Erdbergstraße" (Benjamin Hirte):Noch hockt das Hippo auf dem Trockenen. 
Foto: kunst-dokumentation.com,  
- © Copyright: Benjamin Hirte und Galerie Emanuel Layr

"Fountain for Erdbergstraße" (Benjamin Hirte):Noch hockt das Hippo auf dem Trockenen.

Foto: kunst-dokumentation.com

- © Copyright: Benjamin Hirte und Galerie Emanuel Layr

Scannend hat der Künstler einen Streifzug durch die Lower East Side gemacht (Hirte: "Die Lower East Side war immer eine sehr arme Gegend. Sie ist mittlerweile fast komplett gentrifiziert, es gibt aber noch etliche große Sozialbauten."), hat sich mit dem iPhone in der Hand um Hydranten, Mistkübel, Bänke herumbewegt, über Kanalgitter gebeugt. Die aus dem Zusammenhang gerissenen vertrauten Dinge des öffentlichen Raums wirken jetzt auf einmal seltsam fremd, irritierend, ruinös, treiben isoliert auf einsamen, ausgefransten Asphaltinseln durch eine filmische Diashow, schweben im Nichts. Die Stadt zerfällt, wird zur endzeitlichen, menschenleeren Ruine. (Der Corona-Shutdown hat diese Bilder erschreckend aktuell werden lassen.) Unheimlich und zugleich von faszinierender Schönheit, die sich im glänzenden Galerieboden stimmungsvoll spiegelt wie in einem Reflexionsbecken. Da: verwaiste Koffer! (Die sind gepackt, doch der Windhund läuft nicht, der schläft.)

Die Arbeiterwohnburg aus dem Sandkasten

Ein Plastikförmchen für die Zinnen einer Sandburg, eine leere Zigarettenschachtel mit dem Warnhinweis: "Das Rauchen aufgeben – für Ihre Lieben weiterleben", das kümmerliche Restl eines kaputten Sessels, eine Getränkedose: Ist das Kunst oder kann das die Putzfrau wegmachen? Diese banausische Alternativfrage kann einem angesichts dieses Stilllebens aus Zivilisationsmüll durchaus in den Sinn kommen. Der Abfall hat allerdings eine (düstere) Geschichte zu erzählen. Wehrt sich damit wacker gegen seine Entsorgung. Noch dazu wächst aus der Aludose einer Billig-Marke (passenderweise von einem Energy-Drink) provisorisch eine niedliche Modellbaustraßenlampe, die hoffnungsfroh brennt. Ein heruntergekommenes Stadtviertel? Und sollen die roten Plastikzinnen eine Arbeiterwohnburg des "Roten Wien" sein? (Gemeindebauten wie der Karl-Marx-Hof HABEN ja vielfach Festungscharakter.) Wer in prekären Verhältnissen lebt und arbeitet, für den ist die Lebensgefahr durchs Rauchen jedenfalls das geringste Problem. Die soziale Frage als ewiges Projekt?

Keine Kunst zum bequem Zurücklehnen, denn selbsterklärend ist da nix. Da muss man schon fleißig mitarbeiten. Aber wenigstens nicht als Putzfrau.