Die Erinnerung an Fotos von frühen Secessions-Ausstellungen, mit verkäuflicher Kunst, Blumen und Palmen, stellt sich rasch ein: Verena Dengler hat im Hauptraum einen kleinen Teich mit Pflanzen, die Bronze eines Blumenmädchens und ein Bösendorfer-Klavier mit der Notenpultaufschrift "Ver Sacrum" inszeniert. Die Künstlerin bespielt aber nicht nur den Raum: Sie hat ihre multimediale Installation gemeinsam mit Künstlerinnen, Aktivistinnen, einer Galeristin und einem Mäzen auch in einem Magazin thematisiert, in dem auch Diedrich Diederichsen, ihre Dialogpartnerin Barbara Urbancic sowie Leon Kahane schreiben. Letzterer ist außerdem mit der Schauspielerin Astrid Meyerfeld Partner bei einem verfilmten Schund- und Groschenromans: Aufgenommen von Dengler via Skype, ist der Streifen in der Kunstwelt angesiedelt und auf einem Monitor sowie am Instagram-Account der Künstlerin zu verfolgen. Meyerfeld und Kahane sind außerdem auf einem Plakat zu sehen, das den erzählerischen Titel dieser Ausstellung transportiert: "Die Galeristin und der schöne Antikapitalist auf der Gothic G’stettn (Corona Srezessionsession Dengvid-20)".

Es ist notwendig, Erklärungen einzuholen für diese vielseitig interpretierbare, seltsame Indoor-Landschaft. Vor ihr sind Messekojen in einem modularen Wandsystem untergebracht: Jene rechts sind mit etablierter Kunst bestückt, jene links bilden eine junge, "hippe" Projekt-Abteilung. Der Galeriename "Meyerheim", der ins Auge sticht, ist nur am Rande auf Wiener Galeristen bezogen - er stammt von Theodor Fontanes antisemitischem "Meyerheim-Gedicht". Wie so oft kombiniert Dengler eine sozialpolitische Anspielung mit satirischem Humor. In ihrer Schau übt sich Kunst vor allem in Selbstreflexion - womit sich Gedanken an Yasmina Rezas Stück "Kunst" aufdrängen oder "Missing: Discourse" von Moussa Kone und Erwin Uhrmann.

Anspielungen en masse

Und der Ausstellungsname? Die "G’stettn" im Titel verweist - wie Lois Weinbergers Kunst - auf die Hierarchie zwischen Zentrum und Peripherie, Natur- und Kulturlandschaften. Das Schlagwort "Gothic" lässt die Romantik anklingen und integriert somit ein (laut der Religionshistorikerin Urbancic) "allgegenwärtiges Erbe", das neben erhabener Melancholie auch Individualität und subkulturelle Jugendbewegungen und Gegenkulturen umfasst.

Das Rütteln an den Verhältnissen findet Dengler aber auch in einem bösen Kommentar Karl Kraus‘ in seiner Zeitschrift "Die Fackel" 1900 über Klimt, Hoffmann und Olbrich. Denglers Schau spielt kritisch auf die Marktgängigkeit historischer Secessions-Ausstellungen an - sie profitiert aber zugleich vom heutigen Markt. Das Klavier aus der limitierten Secessions-Edition hat die Firma Bösendorfer zur Verfügung gestellt, ein Mäzen hat den "Garten" finanziert.

Dazu prangen an den Galeriewänden "Dengler-Dollars", die bereits beim Protestmarsch nach dem Ibiza-Skandalvideo von aktivistischen Künstlerinnen in die Menge geworfen wurden. Dengler ist Mitglied der Burschenschaft "Hysteria", einer reinen Frauenorganisation, die das goldene Matriarchat ausgerufen hat - auch das ist neben gendergerechter und postkolonialer Political Correctness wieder sehr passend zur goldenen Lorbeerkuppel der Secession, die vor Kurzem von Freundesgeld restauriert wurden.

"Revolutionäre" Blumengabe

Fehlt noch die seltsam an Diktatoren-Realismus erinnernde Ästhetik jenes einen Strauß haltenden Blumenmädchens mit iPhone in der anderen Hand, das in Bronze mit "Gestaltungsdrang & revolutionärem Eifer" begrüßend vor dem Teich steht und Schwestern in der Kunst Nordkoreas haben könnte - was wohl mehr befremden soll als die Blumenfotos auf deren Instagram-Account @stadtblume_wien. Insgesamt ein feministisches Gesamtkunstwerk, das der Elite um Gustav Klimt die Armut der um 1900 leidenden Menschen der Vorstadt gegenüberstellt, aktualisiert mit Denglers Pandemie- und Rezessionskommentaren.