Ohne das eine kann man kein Bild malen, ohne das andere kein Foto machen (zumindest keins, auf dem man etwas sieht). Ist also irgendwie völlig logisch, dass die Ausstellung in der Galerie Ulrike Hrobsky "Farbe und Licht" heißt. Schließlich ist Ulrich Plieschnig Maler und Nikolaus Korab Fotograf.

Nicht, dass Ersterer im Dunkeln malen würde. Und eigentlich malt er ÜBERHAUPT nicht. Schüttet die Ölfarbe vielmehr aus, die so stark verdünnt ist, dass das Licht durch alle Schichten noch locker durchkommt, lässt sie beschaulich rinnen, lenkt den Zufall durch Kippen und Drehen. Ein Gemälde ist eben kein stehendes Gewässer. Sondern? Ein hängendes? Ja, und offensichtlich ein fließendes. Harmonische Farbgefilde in Grau, Blau, Weiß, durch die duftige Farbnebelschleier ziehen, am Horizont eines Gefühlsozeans ("emotional oceans") geht ein warmes, saftiges Orange auf und überall hallt Landschaftliches nach. (Plieschnig, 1959 in Klagenfurt geboren, ist immerhin im Kärntner Gurktal aufgewachsen. Mittlerweile lebt und arbeitet er allerdings in Wien.) Ausflüge in die Natur der Malerei.

Optischer Aufheller mit fünf Buchstaben

Malerisch sind die Fotos vom Nikolaus Korab (Jahrgang 1963) aber eh auch. Mit ihrer traumartigen Atmosphäre. Aha, Venedig. Die Stadt hat er sich wahrscheinlich deshalb ausgesucht, weil sie so pittoresk ist, oder? Nein, "weil sie autofrei ist" (Korab). In Wien daheim hat er es mit der Serie ja ZUERST versucht, doch bald frustriert aufgeben müssen. Dauernd sind irgendwo Autos herumgestanden und haben ihm den "architektonischen Raum" verparkt. Drum ab nach Venedig. Gleich fünf Mal. Fast surreal: eine komplett menschenleere Lagunenstadt. Und das VOR Corona. Damals war das noch der von Touristen womöglich am meisten niedergetrampelte Flecken auf der Erde, wohlgemerkt. Die Kamera hat sie anscheinend einfach übersehen, die Menschen. Okay, die analogen Schwarzweiß-Aufnahmen sind in der Nacht entstanden. Der wahre Star ist nämlich dieser optische Aufheller mit fünf Buchstaben und der kommt besonders gut zur Geltung, wenn’s finster ist. (Optischer Aufheller mit fünf Buchstaben? Licht!)

Nachtaktiv: das Licht in Nikolaus Korabs Venedig ("Mezzanotte"). - © Nikolaus Korab
Nachtaktiv: das Licht in Nikolaus Korabs Venedig ("Mezzanotte"). - © Nikolaus Korab

Das domestizierte Licht (das künstliche aus der Lampe) wird hier regelrecht zu einem Lebewesen, einer scheuen, nachtaktiven Spezies. Es schaut aus dem Fenster, schlüpft durch die offene Tür einer Kirche und schnuppert in die Dunkelheit, kriecht aufs Pflaster und die Stufen einer Brücke hoch, tastet sich vorsichtig in eine enge, dunkle Gasse hinein. Das Nachtleben des Lichts quasi. Einen Vogel kann man in einen Käfig stecken, aber seinen Gesang kann man NICHT einsperren, und wenn man so will, ist das Licht das Zwitschern der Glühbirne, die Hausarrest hat.

Mit verdammt wenig Helligkeit kommen diese präzise komponierten, mysteriösen Notturnos aus. Und ein Selenbad hat das Schwarz noch satter, die Nacht noch tiefer gemacht. Das Auge muss sich erst langsam an die Dunkelheit gewöhnen, bevor es mehr und mehr Details entdeckt. Die Madonna über dem Kirchentor, ein Schild. Und bevor es sämtliche Farben wahrnimmt. Denn Schwarz ist nicht bloß eine Farbe. (Betonung auf eine.)

Die Kamera sieht alles, merkt es sich aber nicht immer

Wo sind die Menschen jetzt wirklich hin? (Abgesehen davon, dass natürlich irgendwer den Lichtschalter gedrückt oder die Wäsche vorm Fenster aufgehängt haben muss.) Tja, die haben sich der Großbildkamera (Negativformat 10 mal 12 Zentimeter) schlichtweg nicht ins Gedächtnis, nicht ins Negativ eingeprägt. Angeblich hält ein Foto einen Augenblick fest, und wie lange dauert der schon – einen Sekundenbruchteil vielleicht? Der Wiener hat in Venedig freilich immer mindestens einen MOMENT eingefangen. Einen ziemlich LANGEN Moment. Im Schnitt so um die vier Minuten jeweils. Wenn da einer kurz durchs Bild huscht, den hat die Kamera schnell wieder vergessen. Außer, es handelt sich um einen Smomby, einen Smartphone-Zombie. Dann bleibt der "Untote" selber zwar unsichtbar, sein Handy hinterlässt dafür eine störende Lichtspur, und der Mensch HINTER der Kamera, der sowieso bereits viel Geduld braucht, muss wieder von vorne beginnen, das Ganze noch einmal belichten. Die handyfreie Stadt existiert ja leider noch nicht.

Den Stress des Fotografen, der sich vollbepackt (mit Kamera, Stativ, Kameratasche mit zwei Wechseloptiken, Taschenlampe, fünf Filmkassetten, Belichtungsmesser, Wasserwaage, Lupe und schwarzem Tuch) auf eine nächtliche Expedition zum passenden Motiv begeben hat, merkt man diesen ruhig und entspannt wirkenden Fotos halt nicht an. Dass das in Wahrheit ein Wettlauf gegen die Zeit war. Zehn Minuten die Kamera aufbauen und alles einstellen, und wenn man endlich fertig ist, macht plötzlich jemand das Licht aus. Zum Glück hat aber meistens der KORAB gewonnen.