Das Coronavirus als Lampe, gebastelt aus den roten Plastikhüllen von abgebrannten Grabkerzen? Formal vielleicht einfach (na ja, so einfach auch wieder nicht, die auf dem Friedhof im Müll gefundenen Grablichter sind immerhin auf einen Ikosaederstumpf montiert, auf einen archimedischen Körper aus zwölf Fünfecken und 20 Sechsecken, wie man ihn von der klassischen Wuchtel her kennt), jedenfalls stecken da offensichtlich komplexere Gedankengänge dahinter. Wie die vermeintlich simplen Objekte von Johannes Wohnseifer generell gern Geschichten erzählen. Über die Zeit, das Leben, die Gesellschaft. Trotzdem sind etwaige Ähnlichkeiten mit einem grassierenden tödlichen Virus unbeabsichtigt und rein zufällig.

Ungebremst im Kreis fahren

Recycling spielt sowieso immer wieder eine Rolle. Die Ausstellung in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman heißt jetzt aber nicht "Wiedergeburt", sondern "Wiedergabe". Die DVDs, die der Kölner zwischen die Speichen eines Fahrrades für Bahnrennen geklemmt hat, könnte man ja tatsächlich irgendwo reinstecken, in ein Abspielgerät, und dann quasi auf "Wiedergabe" drücken. Sein Werkverzeichnis ist da drauf und das Rennrad hat sinnigerweise keine Bremsen, ist dafür konzipiert, so schnell wie möglich im Kreis zu fahren. (Und die DVDs rotieren ausnahmsweise im Vorder- und Hinterrad und nicht im DVD-Laufwerk.) Die Schau wiederum kreist um ein Zentralgestirn in Wohnseifers skulpturalem Oeuvre: den Würfel.

Ein Multiversum voller Würfel: Einblick in die Ausstellung von Johannes Wohnseifer in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman. - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman/Lena Kienzer
Ein Multiversum voller Würfel: Einblick in die Ausstellung von Johannes Wohnseifer in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman. - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman/Lena Kienzer

In den ersten blickt man von oben rein. Das Modell eines "White Cube", und das ist bekanntlich nicht Neudeutsch für "Zuckerwürfel, das ist ein Synonym für den neutralen Ausstellungsraum mit weißen Wänden, und die sind hier mit Klettergriffen bestückt. Klar, der einzige Ausgang ist oben. Außerdem sind die Klümpchen Echos der zupackenden Hand des Bildhauers, gleichen für den Künstler der elementaren formenden Geste, dem Griff in den weichen Ton. Ein Kubus ist gar verweiblicht ("Feminized White Cube") und problematisiert klischeehafte Geschlechterzuweisungen. Harte, markige Kanten verbindet man zwar mehr mit einem Mann (an sich ist ein Würfel folglich eher ein Kerl, weil er keine weiblichen Rundungen hat wie eine Kugel), diese eckige Kugel ist allerdings perfekt lackiert wie die Fingernägel einer Frau.

Diamanten unterm Parkettboden suchen

Persönlich wird’s, wenn Wohnseifer den abgetretenen Parkettboden aus seinem Atelier zu einem Kubus aufschichtet und eine Diamantenmine daraus macht ("A Mine As Deep As Time"). Die Preisliste legt zumindest nahe, dass es sich lohnen würde, unter den Brettern einmal nachzusehen. Erwähnt "Diamanten". Andererseits kriegt man das ganze Ding um 5.650 Euro. (Reich wird man also wahrscheinlich NICHT, wenn man sich das kauft.) Das Atelier als Bergwerk: eine Metapher für das künstlerische Schaffen. Reinhackeln in der Hoffnung, dass am Ende was dabei rausschaut. Wohnseifer: "Um die harte Arbeit, ob in der Mine oder im Atelier, erträglich zu machen, ist die Aussicht auf einen Fund oder Ertrag wichtig, wofür aber zunächst mit großem Zeitaufwand viel Material bewegt werden muss."

Nicht, dass er das Material nur bewegen würde (seinen Parkettboden zum Beispiel). Er transformiert es obendrein. Verwandelt es hin und her. Gießt die schützende Styroporverpackung eines G4-Cubes von Apple zuerst in Aluminium und tarnt den Abguss nachher wieder als Styropor, färbt diese geisterhafte Erinnerung an ein 20 Jahre altes, längst verjährtes Computermodell weiß. Das Negativ eines Fossils sozusagen.

Mit Tschick und Blumen die Zeit messen

In der Mathematik hat ein Würfel genau sechs Seiten und das ist nicht verhandelbar. In der Kunst ist er dagegen weitaus vielseitiger. Die Zeit ist, nein, kein Würfel (vermutlich), doch ebenfalls relativ. Das unscheinbarste und zugleich poetischste Opus ist geradezu ein Gedicht über sie. Ein Haiku. Was aussieht wie eine Mischung aus Aschenbecher und zen-buddhistischem Seerosenteich, soll in Wahrheit ein Chronometer sein.

Eine flache, wassergefüllte Schale mit einer Zigarettenkippe und einer schwimmenden Gänseblümchenblüte als analoge Uhr. So wie Sekunden-, Minuten- und Stundenzeiger auf einem TROCKENEN Zifferblatt ihre jeweils eigene Geschwindigkeit haben, ist die Zigarette inzwischen Vergangenheit, ausgetötet, das Gänseblümchen, das regelmäßig gegen ein frisch gepflücktes aus dem Stadtpark ausgetauscht wird, ist am Verblühen und das Wasser wird irgendwann in naher Zukunft verdunstet sein. Oder es wird vorher weggeschüttet, weil die Ausstellung vorbei ist. Apropos vorbei: Ende.