Der Ausstellungstitel "Schiele - Rainer - Kokoschka. Der Welt (m)eine Ordnung geben" benennt nicht nur eine Epoche; er verrät auch ein Sammlungsprinzip von Ernst Ploil. Die Landesgalerie Niederösterreich ist von Beginn an üppig durch Leihgaben des Rechtsanwalts und Altertumswissenschaftlers für den Schwerpunkt "Wien um 1900" versorgt worden. Der studierte Jurist, Archäologe und Numismatiker hat zwar mit römischen Münzen begonnen, seine "Sucht", wie er es ironisch in einer Art Selbstanalyse beschreibt, zu befriedigen, jedoch nach 1970 den Blick vor allem auf das Kunstgewerbe des Jugendstils gerichtet. Daneben rückten immer mehr die Malereien und Grafiken Egon Schieles, Oskar Kokoschkas und Albin Egger-Lienz’ in sein Blickfeld, auch einen umfangreichen Bestand an Gläsern der berühmten Manufaktur Lötz besitzt er.

Wolkig vereinte Gegensätze

Wenn beim Kunstgewerbe der Gesichtspunkt des geometrischen Musters in den Vordergrund gerät, ist dies kein Zufall in Wien um das Jahr 1980. Zum einen beschäftigen sich damals auch andere Sammler neben Ploil damit - etwa Rudolf Leopold oder Dieter Bogner, zum anderen begannen sich das Publikum, die Museumsdirektoren und -kuratoren dafür zu interessieren. Dadurch wurde die Kunst von Wien um 1900, legendär präsentiert in Hans Holleins großer Festwochenausstellung 1985, zum Dauerbrenner. Daneben verfolgten Museen und Galerien eher die internationale Moderne; der Schwerpunkt lag auf den traditionellen Kunsthauptstädten Paris und New York. Österreich nach 1945 kam als späterer Blickpunkt dazu, den Ploil wie Leopold durch ihre Nähe zum Kunsthandel schon früh intensiv verfolgten.

Wenn sich formale Kriterien wie Quadrat, Gitter oder Kreis nach Josef Hoffmann in Werken von Marcel Duchamp, Markus Prachensky, Fritz Wotruba, Roland Goeschl, Josef Albers oder bei Ad Reinhardt fortsetzen, beschwört Kurator Herbert Giese dafür einen alten Begriff der Wiener Kunstgeschichte, Alois Riegls schwer fassbares "Kunstwollen". Diese begriffliche Geisteswolke erlaubt es, in sich auch Gegensätze zu vereinen wie das Gestische eines Arnulf Rainer, Hans Staudacher und der frühen Maria Lassnig und dabei Gattungen zu überschreiten.

Die Vorliebe für symbolistische oder expressive Gestaltungen verfolgte Ploil zusätzlich, von Anton Romako über den frühen Kokoschka oder Max Oppenheimer bis zu den düsteren Wilhelm Bernatzik, Franz Sedlacek sowie Albert Birkle. Insgesamt eine Vielstimmigkeit, die mit Werner Hofmanns Begriff des "Polyfokalen" umschrieben werden kann; auf dem Balkon der Landesgalerie ist Ploils Dauerleihgabe eines Glaspavillons von Dan Graham Zeichen für seine Großzügigkeit.

Vier Stock tiefer im lichtdurchfluteten Raum des Erdgeschoßes ist die hyperminimalistische Einführung in Ploils Kosmos, versinnbildlicht am Gegensatz zwischen Franz Wests "Endlich zwei gute Skulpturen" und Kolo Mosers Gemälde "Blick aus dem Garten auf den Wolfgangsee", nicht sehr glücklich geraten. Auch die Präsentation des Kunstgewerbes erweist sich, wie im Leopold Museum, als enorm schwierig: Möbel und Glasvitrinen mit Objekten aus Glas, Keramik und Metall lassen an die Messekojen einer Verkaufsgalerie denken.

Überschattete Ausreißer

Zudem hätten interessante Ausreißer-Positionen - etwa von Künstlerinnen wie Gisela Falke, Kiki Kogelnik, Agnes Martin, Xenia Hausner oder den unbekannten Kitty Rix und Jutta Sika - einer gelenkten Aufmerksamkeit bedurft, da sie sonst neben den dominanten Face-Farce-Gesten eines Arnulf Rainer untergehen; das gilt auch für die Bildreliefs Hans Bischoffshausens, der sich immer nur schwer in österreichische Tendenzen geometrischer Abstraktion einfügen lässt.

Andererseits: Das Publikum muss sich ohnedies stets selbst einen Leitfaden durch eine Ausstellung spinnen und wird hier mit vielen erstaunlich hochkarätigen Werken belohnt, bis hin zu Installationen von Donald Judd und Franz West.