Wütende Tiger, traurige Affen und neugierige Elefanten - bei der Tierfotografie-Ausstellung im Naturhistorischen Museum Wien geht es wortwörtlich "wild" zu. Die Schau mit dem gleichlautenden Namen "Wild" zeigt bis 4. Oktober die Werke des 68-jährigen Amerikaners Michael Nichols, der fast 40 Jahre fotojournalistisch gearbeitet hat.

Von manchen wird Nichols als Indiana Jones der Naturfotografie bezeichnet, andere sind der Ansicht, dass es Tierfotografie wie wir sie heute kennen, ohne ihn so nicht gäbe. Fakt ist, dass er mit seinen Fotografien Pionierarbeit geleistet hat. Mit Erfahrungen bei GEO, als Mitglied der weltweit anerkannten Fotoagentur Magnum und einer Laufbahn von 26 Jahren bei National Geographic kann er aufzeigen.

Dabei zeigt sich ein Motiv in all seinen Arbeiten: wilde, unberührte Landschaften und Lebewesen wie sie leiben und leben. Um den Tieren möglichst nahe zu kommen und ihre Vielfältigkeit kennenzulernen, verbrachte der Fotograf oft monatelang in Nationalparks. Die Tiere, die auf den Fotos zu sehen sind, werden dabei weder verniedlicht, noch dämonisiert, sondern einfach in ihrer bloßen Existenz und Lebensweise dargestellt.

Emotionale Nähe

Als objektiver Beobachter steht die Kamera dabei mitten im Geschehen. So lernt man durch die Ausstellung, dass Löwen mit Kamerarobotern keinerlei Probleme haben, Tiger hingegen sehr aggressiv und scheu reagieren. Das zeigt sich auch in den Fotos, so sind die Aufnahmen der Löwenrudeln beeindruckend intim und zeigen die Dynamiken des Rudels klar auf. Die Tigerfotos hingegen, wirken kühler, eine gewisse Distanz und Respekthaltung ist auf allen Fotos zu erkennen. Der bloße Anblick der Fotos hinterlässt jeweils ein anderes Gefühl für die jeweilige Großkatze.

Emotionalität steht in Nichols’ Fotografien oft im Vordergrund. Besonders bei seiner Bildreportage zu Menschenaffen kommt dies zur Geltung. Zu sehen sind in Wien zum Beispiel ein Schimpanse in einem engen Käfig, der mit großen Augen traurig in die Kameralinse blickt, einer in Narkose auf dem Operationstisch, der als Versuchsobjekt für medizinische Zwecke verwendet wird, oder einer in weißem Tutu-Rock und Ketten, der zur Unterhaltung von Menschen dient. Jedes Bild problematisiert die Beziehung von Menschen zu Menschenaffen und zeigt auf, dass die Affen ohne Rücksicht auf artgerechte Haltung oder ihrer Gefühle von Menschen zum Eigennutz verwendet werden.

"Ich sah, dass ich eine Stimme für diejenigen sein kann, die keine Stimme haben." Diese Aussage Nichols hängt über den Bildern der Reportage über Menschenaffen. Die Werke demonstrieren, dass es Aufgabe der Menschen ist, sich für die Rechte von Tieren und den Erhalt ihrer natürlichen Umwelt einzusetzen.

Ausstrahlung und Größe verleihen die zwei hohen Ausstellungsräume seinen Bildern. Denn im Vergleich zu den engen, dunklen Räumen beim Eingang kommen die riesigen Fotodrucke hier erst so richtig zur Geltung: die Weite der Steppe, die Tiefe der Landschaft oder auch farbige Kontraste, zeigen ihre volle Wirkung erst, wenn man einige Schritte zurücktritt und die Bilder aus einer größeren Distanz getrachtet.

Mithilfe von Hintergrundvideos kann man den Fotografen bei seiner Arbeit begleiten und einen interessanten Einblick in Wildtiere aller Welt erhaschen. Faszinierte Kindergesichter starren dabei auf die Leinwand und beobachten Bären, Hippos, Löwen und Co. aus "nächster" Nähe. In einem Moment ist die Kamera im kalten, verschneiten Sequoia Nationalpark in den USA, anschließend in der glühend heißen Savanne von Tansania inmitten eines Löwenrudels. "Schau Mama, der isst ja ein Zebra!", meint ein Kind begeistert.

Eines schafft Nichols definitiv - Gefühle zu erwecken. Ob Faszination, Empathie, Angst, Ekel oder Bewunderung, seine Fotos zeichnen Geschichten und signalisieren Wertschätzung für die Natur, so wie sie ist. So wird einem wieder einmal klarer, wie lächerlich ein Schimpanse in Strümpfen und Tutu denn wirklich ist.