Kann man Street Art überhaupt in eine Ausstellung stecken? Street Artist Banksy hat darauf eine Antwort: "Ich weiß nicht, ob Street Art jemals in einem Innenraum funktioniert. Wenn man ein Tier zähmt und ins Haus holt, ist es nicht mehr wild und frei, sondern es wird steril, fett und schläfrig. Also vielleicht sollte die Kunst draußen bleiben."

Das ist womöglich der Grund, warum Banksy mit der Ausstellung, die nun in Wien in den Sofiensälen zu sehen ist, rein gar nichts zu tun hat. Das Zitat des Künstlers ist dort übrigens überlebensgroß als Transparent angebracht. "The Art of Banksy" ist eine aus einer Reihe von "Event"-Schauen, die um die Welt touren und sich, euphemistisch gesagt, die freigebige Copyright-Einstellung des Künstlers zunutze machen. Der Eintritt kostet 19 Euro, recht viel für Kunst der Straße, deren Grundprinzip die Gratisverfügbarkeit ist. Die Veranstalter dieser Show sagen, sie hätten gar nichts mit Banksy absprechen können, er ist ja nach wie vor anonym. In Wien sieht man nun also Reproduktionen und einige Originale - welche das sind, darauf wird aber nicht hingewiesen: "Sie erkennen sie, wenn sie sie sehen", heißt es.

Ein Blick über die Ausstellung. - © apa/Techt
Ein Blick über die Ausstellung. - © apa/Techt

Herzballone weisen den Weg

Der heute wahrscheinlich berühmteste Street Artist Banksy wurde (möglicherweise) 1974 in Bristol geboren. Sein Ruhm begann sich in den Nullerjahren zu entfalten. Er ist bekannt für schwarzhumorige Schablonen, die zum Beispiel schmusende Polizisten zeigen oder vermummte Demonstranten, die statt Steinen Blumen schmeißen. Oder sein wohl berühmtestes Bild, das mittlerweile so oft zweckentfremdet wird, dass man es zum öffentlichen Gut zählen kann: das Mädchen, das den roten Herzballon fliegen lässt. Von der Mauer, auf die er es einst gesprayt hat, wurde es ausgeschnitten und erzielte bei einer Versteigerung eine halbe Million Euro. Weil aber Banksy mit dem Kunstmarkt so gar nichts anfangen kann, hat er sich auch dieses Motiv ausgesucht für seinen berüchtigtsten Schlag gegen Händler und Sammler: Kurz nachdem im Oktober 2018 eine Version des Ballonmädchens für über eine Million Euro versteigert worden war, zerstörte sich das Bild mithilfe eines eingebauten Schredders von selbst. Ein formidabler Trick.

Der Affe hat einen Plan. - © Manfred Szlezak
Der Affe hat einen Plan. - © Manfred Szlezak

Rote Herzballons weisen nun auch den Weg in die Sofiensäle, in der Ausstellung gibt es zwar kein zerschnittenes Bild zu sehen, dafür sehr viele Varianten der immer selben Motive: Der Affe etwa in verschiedensten Evolutionsstufen - erst mit dem Schild "Jetzt lacht ihr noch, aber bald werden wir hier das Sagen haben", dann königlich geadelt als Queen und dann wieder zurückentwickelt als nackte Asi-Schwangere, die von der Pose her Demi Moore, vom Gesicht Homer Simpson ähnelt, mit Zigarette im Mundwinkel. Auch Banksys oft verwendete Ratten tummeln sich hier vielgestaltig. Inklusive diesem Zitat: "Ich malte schon seit drei Jahren Ratten, als jemand sagte: ,Das ist schlau, Rat ist ein Anagramm von Art‘, und ich musste so tun, als ob ich das die ganze Zeit gewusst hätte."

Im "Studio-Nachbau". - © Manfred Szlezak
Im "Studio-Nachbau". - © Manfred Szlezak

Neben den Drucken gibt es einfallslose Installationen wie ein Studio, in dem Spraydosen und Entwürfe herumliegen und ein Spiegel hängt, in dem steht "So sieht das Virus aus" - in der Ausstellung herrscht übrigens Maskenpflicht. Eine Ansammlung von besprühten Röhrenfernsehern zeigt Ausschnitte unter anderem aus der Doku "Exit through the gift shop" oder Videos, die Schlaglichter auf Banksys Engagement am Gazastreifen zeigen. In einer Vitrine sind Mauer-Miniaturen, die im Shop seines "Walled-Off-Hotels" in Bethlehem erhältlich sind, aufgestellt. Treffer bei der "Originale"-Suche. In einer Ecke ist sein Kommentar zum Lockdown schleißig nachgebaut, den er - wie so vieles - via Instagram verbreitet hat: ein Klo, das seine Ratten genüsslich verwüsten, mit dem Posting: "Meine Frau hasst es, wenn ich daheim arbeite." Ein Video zeigt, wie sich Banksy darum bemüht, die Aufmerksamkeit für den Syrienkonflikt aufrechtzuerhalten. Und von den Balkonen herab wachen geflügelte Smileysoldaten über die seltsame Szenerie.

Museum steht der Kunst nicht

Es ist nicht ganz klar, was diese Ausstellung will: Für Banksy-Kenner ist sie hoffnungslos uninteressant, zumal sie von der Originalität des Künstlers (der immerhin einmal ein Anti-Disneyland auf die Beine gestellt hat) meilenweit entfernt ist. Die Texte zu den Bildern scheinen oft willkürlich, manchmal sogar unwissend. Banksy mag in seiner Pointenfokussiertheit wenig tiefgreifend erscheinen, solche Kalenderspruch-Exegese hat er auch wieder nicht verdient. Soll die Zielgruppe jedoch die wenigen Menschen sein, denen Banksy bisher nicht bekannt war, wird ihnen ein unvollständiges Bild geliefert: Denn das Museale steht dieser Kunst nicht, sie lebt von der Flüchtigkeit und der Halblegalität. Dass derselbe Mann, dem hier brave Postershop-Optik zugeschrieben wird, kürzlich in Londoner U-Bahnwaggons im Guerilla-Stil mit seinen Ratten zum Maskentragen aufgefordert hat, bringt man nur schwer zusammen. Diese Schau könnte nur spannend werden, wenn sich Banksy einschleicht und ein Objekt unerlaubterweise hinzufügt, wie er es früher in der Tate Britain oder im Metropolitan Museum gemacht hat.