Was machen 41 Orangen auf dem Boden der Krinzinger Projekte? (Außer herumzuliegen.) Darauf GIBT es eigentlich gar keine richtige Antwort. Weil schon die Frage falsch ist. Das SIND nämlich keine 41 Orangen. Sondern bloß 40. Die 41ste TUT lediglich so, als wäre sie eine. In Wahrheit handelt es sich dabei freilich um einen täuschend echt bemalten Bronzeguss. Und damit die Tarnung nicht früher oder später doch noch auffliegt (abgesehen davon, dass die 40 einen etwas blasseren Teint haben), werden die verderblichen Früchte in Luis Paulo Costas Obststillleben bei Bedarf gegen frische ausgetauscht.

Der Portugiese ist eben gut im Tarnen und Täuschen. Und darin, sein Publikum zu verunsichern. Immerhin ist Orange 41 ja sowohl ein Original als auch eine Fälschung. Oder eine "Kopie" (Titel der Ausstellung). Man mag es Costas Kunst außerdem nicht immer sofort ansehen, aber im Grunde ist das alles Malerei. Okay, bei den Bildern an den Wänden hat man eh nicht den geringsten Zweifel. Öl auf Leinwand, oder? Nein, da ist noch was dazwischen, zwischen dem Öl und der Leinwand: ein Foto. Beziehungsweise ein Inkjet-Druck. Darf man das Fotorealismus nennen? (Weil ob man ein Foto nun ab-malt oder es über-malt . . .)

Sehnsucht plus Melancholie ergibt Braun

Kaffee ist Farbe zum Trinken: Luis Paulo Costa malt in Öl (Öl auf Inkjet-Print auf Leinwand). 
- © APAweb / Arnau Oliveras Segui

Kaffee ist Farbe zum Trinken: Luis Paulo Costa malt in Öl (Öl auf Inkjet-Print auf Leinwand).

- © APAweb / Arnau Oliveras Segui

Ein Kaffeetscherl in der Tasse, die Wolken und Flugzeuge am Himmel, die Tauben auf der Straße – während seiner Zeit als Artist in Residence hat Costa in Wien Eindrücke und vor allem die Farben der Stadt gesammelt, die verschiedenen Töne, die diese hat, und erinnert sich daneben an das Licht in den Bäumen daheim in seinem Garten in Abrantes. Welche Farbe die Augen haben, die sich fern der Heimat umgesehen haben, also seine eigenen, daraus macht er allerdings ein Geheimnis. In seinem Selbstporträt hält er sich die Hände vors Gesicht. Die klassische Wenn-ICH-euch-nicht-seh-seht-ihr-mich-ebenfalls-nicht-Pose.

Ach, mit den großen, traurigen Augen dieses Schimpansen, in denen sich Sehnsucht und Melancholie zu einem gefühlvollen, glänzenden Braun mischen, könnten sie ohnedies schwer mithalten. In Wien leben Schimpansen? Nein, nicht einmal im Zoo. Die muss der Künstler von anderswoher haben. Aus seinem reichhaltigen Bildarchiv vermutlich. Und Menschen sind doch AUCH Primaten. (Der schwarze Kaffee IST aber natürlich überhaupt nicht schwarz, denn wäre er es, dann müsste er schließlich grau werden und nicht braun, wenn man Milch hineinschüttet.)

Costas Pinsel hat jedenfalls ein sehr intimes und durchaus komplexes Verhältnis zur Welt der Gegenstände. Bemalt sie mitunter gleich direkt, überzieht zum Beispiel einen gefundenen Lederhandschuh ("Belongs to a lady") mit genau jener Farbe, den dieser sowieso bereits hat. Eine monochrome Malerei mit fünf Fingern? Zumindest eine originelle Form der GEGENSTÄNDLICHEN Malerei. Die Dinge als Träger von Farbe.

Der geworfene Schatten geht nimmer raus

Angewandte Farbenlehre: Wer zu viel Roten oder Weißen trinkt, wird irgendwann blau und sieht doppelt. Hängt deshalb ein Spiegel hinter der Schachtel mit den leeren Weinflaschen (und Bierdosen)? Nicht die Relikte einer durchzechten Nacht sind hier übrigens mit einem Abbild ihrer selbst überpinselt worden (obwohl ich es dem Costa sogar zutrauen würde, Glas blickdicht zu übermalen, und am Ende hätte man trotzdem den Eindruck, es wäre nach wie vor durchsichtig), besagte Schachtel hat vielmehr einen Anstrich gekriegt. So perfekt ist das Pappendeckelbraun getroffen, der unscheinbare Karton schaut jetzt aus wie – ein unscheinbarer Karton. Und das Spiegelbild? Ist real. Na ja, streng genommen virtuell. Dafür wirft ein Stein einen Permanentschatten. Gekonnt subtil, Costas Spiel mit der Realität.

Worum es ihm wirklich geht, hat der Künstler noch einmal unmissverständlich klargestellt, als er, der gar nicht Deutsch kann, Wittgensteins "Bemerkungen über die Farben" penibel im Originalwortlaut abgeschrieben hat (Bleistift auf "endlosem" Papierstreifen). Um Geduld also? Um die Farben!