Willkommen im Gelobten Land? ("Welcome to the Promised Land".) Der Titel der Ausstellung klingt ja schon einmal einladend. Nach Willkommenskultur. Oder ist das mit dem Gelobten Land ironisch gemeint? Wo liegt das überhaupt? Im Bildraum 07 zeigt uns jedenfalls einer sein Modell davon. Der heißt zufällig wie der wohl berühmteste Magier aller Zeiten (Dumbledore? Nein, der andere. – Gandalf?), trotzdem muss uns dieser Merlin (Nachname: Kratky) nicht hineinzaubern, ins "Promised Land". Weil wir anscheinend eh längst dort sind: in der Gegenwart nämlich.

Ego-Saurier, die Giganten der Jetztzeit

Die entfernt an eine Landschaft erinnernde Installation (was Rundes, was Spitzes und was Pittoreskes) soll zumindest so etwas wie "ein Porträt unserer Gegenwart" sein. Eine pluralistische Welt voller Gegensätze, Grenzen und Symbiosen, übersetzt in spannende und sinnliche Materialdialoge. Wie gewohnt kombiniert und kontrastiert Merlin Kratky, der sein Handwerk perfekt beherrscht, natürliche und künstliche Werkstoffe, weichere Formen und strenge Geometrie. Halt nimmer so poppig wie früher. Der Humor ist ebenfalls unterschwelliger. Keine realistischen Karotten, Maiskolben oder Bananen stecken mehr in Betonblöcken wie das Schwert, das sein Vornamenszwilling der Legende nach in einen Stein getrieben hat. Stattdessen ein schroffer, schrill besprühter Felsbrocken aus Beton, drei schlanke, graue Pyramiden ragen empor, abweisend spitz (Stellvertreter der modernen urbanen Architektur?), und daneben hat der einstige Erwin-Wurm-Schüler Wald- und Gartenbewohner aneinandergekettet. Keine Angst, keine niedlichen Eichkatzln, Igel oder Vögel. Bäume vielmehr. Oder Teile von ihnen. Hat heimische Hölzer wie Apfel, Kirsche, Weide und Fichte zu streichelglatten, rundlichen Objekten verarbeitet, zu formschönen "Früchten". Die vom Menschen versklavte Natur? Oder stehen die Ketten einfach für Beziehungen und Abhängigkeiten, weil doch alles irgendwie zusammenhängt und niemand eine Insel ist?

Ein Knochenorakel? "Dead or Alive" von Merlin Kratky. 
- © APAweb / Eva Kelety, Bildrecht, Wien 2020

Ein Knochenorakel? "Dead or Alive" von Merlin Kratky.

- © APAweb / Eva Kelety, Bildrecht, Wien 2020

Im Fenster: ein imposanter Knochen. Dinosaurier? I wo. Der soll weniger auf die Giganten der Urzeit verweisen als auf die Giganten der Jetztzeit, auf die Egos (Kratky: "auf unseren Größenwahn", sprich unseren Hang, alles aufzublasen). Der Künstler derschleppt das Riesentrumm gerade noch auf der Schulter, hat das Ding (Beton, allerdings kein Vollguss) selber mit der U-Bahn hertransportiert. Tja, Kunst ist ein Knochenjob.

Nur der Beton hat eine Chance

Womöglich kann er aber wirklich zaubern. Immerhin hat er diese kleineren Knochen geknickt, ohne dass sie gebrochen sind. (Na gut, die haben von Anfang an so ausgeschaut, hatten einen rechten Winkel.) "Dead or Alive": ein Knochenorakel im Sand? Und was können wir aus dem herauslesen? Dass wir den Planeten mit unserem Klimawandel verwüsten und dann aussterben werden? Kratky: "Metall und Beton, das wird es sein, was man von uns finden wird." Und selber legt er offenbar bereits fleißig Vorräte an, damit später genug zum Ausgraben da ist.

Seine textilen Bilder, wo er diverseste Stile und Techniken zusammengenäht hat, werden also notgedrungen verrotten. Einprägsam an diesen Fleckerlteppichen ist sowieso mehr der Titel der Serie als die Serie selbst: "The Day Philosophy Becomes Mainstream." Der Jüngste Tag ist demnach jener, an dem die Philosophie massentauglich wird. Ach, Hauptsache, die morbid witzigen Knochen bleiben übrig.