Ab 31. Juli gibt es ein neues Mahnmal auf der Narzissenwiese in Lunz am See neben dem WasserCluster Lunz, gestaltet von Florian Pumhösl im Rahmen von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich, denn das Universitätszentrum steht auf den Gründen eines ehemaligen "Gaujugendheims" zur Wehrertüchtigung der Hitlerjugend. Zudem hat die Regierung Anfang Juni beschlossen, das Geburtshaus Adolf Hitlers in Braunau durch das bekannte Architektenteam Marte.Marte umbauen zu lassen, um es durch Dekonstruktion vom Pilgerort für Ewiggestrige in ein "gutes" Bauwerk zu verwandeln.

Adolf Hitlers Kunstgeschmack gilt bis heute als medioker: "Leda und der Schwan" von einem der prominentesten Nazi-Meister, Paul Matthias Padua. - © F. Schiehsl
Adolf Hitlers Kunstgeschmack gilt bis heute als medioker: "Leda und der Schwan" von einem der prominentesten Nazi-Meister, Paul Matthias Padua. - © F. Schiehsl

Das ist Günther Domenig 1998 vorbildlich mit dem Dokumentationszentrum am ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gelungen, doch der "Speer durch den Speer" kann nicht auf das immer wieder veränderte Barockgebäude übertragen werden. Die Proteste gegen Umbau oder Abriss sind also berechtigt. Denn die Scheu vor einer direkten Konfrontation mit Orten unangenehmer Erinnerung ist groß in unserer zwar dauerempörten Gesellschaft, die seit den 1970er Jahren bemüht ist, Orte der Aufklärung zu schaffen, aber daneben weiter tabuisiert, was wir über die nationalsozialistische Ära noch alles erfahren sollten. Moralische Schubladen ziehen, ist leichter, als sich zu konfrontieren. Das gilt vor allem für NS-Kunstwerke, die seit 1945 in Depots verschwunden sind, statt Generationen von Schülern und Studenten Geschichte bildlich erfahrbar zu machen.

Verschwendete
Ausstellungsbudgets?

Jedes Mal, wenn im letzten Jahrzehnt ein Museum in Deutschland von Braunschweig bis München wagte, ein paar der Gemälde oder Skulpturen aus den Kellern zu holen, um das Publikum mit Nazi-Ästhetik zu konfrontieren, war von "Mief aus dem Giftschrank" und vertanen Ausstellungsetats sowie falsch verstandener Nobilitierung, aber auch Beleidigung der Opfer die Rede. Jan Tabor hat im Wiener Künstlerhaus schon 1994 mit "Kunst und Diktatur" versucht, mit Parallelen der Kunst der Diktaturen vor der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Tor zu öffnen, damit Geschichtsmuseen in Wien oder Berlin neben nötigen Forschungen des enormen Kunstraubs, vor allem aus jüdischem Besitz, den Umgang mit dem Unangenehmen beginnen. Doch Ästhetik wurde weiter erbaulich nur über die damals verkannte Moderne vermittelt. Dem 2018 in Wien gegründeten Wiener Haus der Geschichte Österreich fehlt der Platz für Ausstellungen der Werke jener anderen Moderne, die eng mit Rassenwahn und Kunstraub verbunden ist. Daher sollte endlich ein neues Gebäude für diese Institution gefunden oder errichtet werden, verbunden mit der Auflage, diese Jahre genau zu beleuchten.

Eine Expertin und ideale Beraterin für das Haus der Geschichte lebt in Wien: Birgit Schwarz hat in vier Büchern (zuletzt 2018 "Hitlers Sonderauftrag Ostmark"), Textbeiträgen in Fachzeitschriften, aber auch mit der Arbeit an Datenbanken im letzten Jahrzehnt auf große Versäumnisse und Irrtümer hingewiesen, die um Adolf Hitler, seinen enormen Kunstraub und seine Kunstauffassung selbst in der Fachwelt kursieren. Wie im bereits 2014 erschienenen Buch "Auf Befehl des Führers" lässt sich der gigantische Kunstraubzug durch Europa bis Russland endlich als "Chefsache" einer Geheimaktion erfahren, die durch ein breites Netzwerk an Experten, Institutionen und Politikern getarnt war. Hitlers Name sollte nicht aufscheinen, doch sollten nach dem Krieg seine Museumsschenkungen von der Nachwelt gewürdigt werden. Der Bereich in der Neuen Burg, in dem das Haus der Geschichte Österreichs im Verband des Kunsthistorischen Museums provisorisch "eingemietet" ist, war ab 1938 Zentraldepot für die beschlagnahmten Kunstwerke aus den Wiener Sammlungen der Familien Rothschild, Altmann, Gutmann, Kornfeld, Bondy und vieler anderer.

Immer ist vom Balkon am Heldenplatz die Rede, doch hat man es bis jetzt nicht geschafft, ihn in das ortgebunden minimale Konzept einzubeziehen - ebenso wenig die Tatsache, dass in den Räumen Direktor Fritz Dworschak ab 1939 mit dem Sonderbeauftragten Hans Posse, Direktor der Gemäldegalerie in Dresden, eine völlige Umordnung musealer Sammlungen in ganz Europa (die ehemalige Sowjetunion inbegriffen) mit Experten vorangetrieben hat. Die Verstrickung der Experten in ein geplantes Führermuseum in Linz reichte von Wien weiter nach Frankreich, die Niederlande über Polen bis Russland. Die Depots wechselten, nach dem Krebstod Posses 1942 kam es zu Depotkrisen wegen Überlastung, am Ende wurden die meisten Kunstwerke vor den Bomben in das Salzbergwerk von Altaussee in Sicherheit gebracht. Kompetenzstreit zwischen den Zuträgern, bis hinauf zu Hermann Göring, gab es oft. Die Kontrolle über "seine Sammlungen" behielt Hitler bis zuletzt, und sogar in seinem Testament legte er fest, dass die Kunst der Nachwelt erhalten bleiben sollte.

Hitler interessierte sich für
französisches Rokoko

Viele Irrtümer hat Schwarz im Sinne einer von guten und bösen Mythen freien Sicht auf die Kunstpolitik als "Chefsache" ausgeräumt. Ihre wichtigsten Quellen sind die Tagebücher Posses, von denen bereits drei im Netz nachzulesen sind, viele Briefe der nun benannten beteiligten Personen, aber auch die Fotoalben der geraubten und gekauften Kunstwerke, die Posse ab 1940 für Hitler anfertigen ließ. Letztere wurden am Berghof von den Amerikanern gefunden, was die Rückgabe des Raubguts erleichterte, aber die Tagebücher hielten die Sowjets nach 1945 lange unter Verschluss. Nur so konnten am Kunstraub Hitlers beteiligte Experten wie Posses Nachfolger Hermann Voss, aber vor allem Albert Speer sich mit Lügen zu ihren Gunsten gegenüber den Siegermächten behaupten.

Bis heute gilt Hitlers Kunstgeschmack als medioker, seine Planung für Linz aber als gigantomanisch. Beides widerlegt Schwarz. Nicht nur die Wege von Kunstwerken wie Leonardos "Dame mit dem Hermelin", Bruegels "Heuernte" oder des Genter Altars der Brüder van Eyck können nun besser verstanden werden - auch falsche Restitutionen oder die Involvierung von Denkmalamt, Kunsthändlern wie Hildebrand Gurlitt, Karl Haberstock, Heinrich Hoffmann (Kunsthändler und Fotograf) werden klar. Hitler interessierte neben den Deutschrömern das französische Rokoko, sichtbar in dem schwül erotischen Gemälde Paul Mathias Paduas "Leda und der Schwan" von 1936 aus seinem Besitz. Darin pervertiert einer der prominentesten Nazi-Meister Boucher, Fragonard und Watteau - Padua wollte wohl mit seiner lächerlichen Vergewaltigung durch einen Schwan mit extralangem Hals in Art der antiken Phallusvögel neben deren Gemälden aus dem Raubzug in Frankreich im geplanten Führermuseum in Linz hängen.