Kaum zu glauben, dass die Menschen früher so herumgelaufen sind. Ohne Maske und Berührungsängste. So distanzlos. Inzwischen kommt einem das fast surreal vor. Und was noch viel unglaublicher ist (oder mindestens genauso unglaublich): Das SIND überhaupt keine Fotos. Das sind GEMALTE Fotos.

Yigal Ozeri ist nämlich ein Fotorealist. Oder ein Hyperrealist? Jedenfalls malt er in HD. Nein: in UHD. Ultra High Definition. Seine Assistenten müssen natürlich ebenfalls was draufhaben. Assistenten? Er malt nicht jeden Quadratmillimeter selber? Na ja, dann würden in der Galerie Ernst Hilger jetzt vielleicht drei, vier Bilder an der Wand hängen und nicht 33! (Außerdem: Was ist verwerflich daran? Erwartet man denn von einem Architekten, dass er jeden einzelnen Ziegel eines von ihm entworfenen Hauses eigenhändig in den Mörtel drückt?) Die Gustostückerln wie etwa Gesichter und Haare sind in der Regel aber ohnedies dem Meister vorbehalten.

Obdachlosigkeit, gemalt in Ultra High Definition von Yigal Ozeri. - © Galerie Ernst Hilger
Obdachlosigkeit, gemalt in Ultra High Definition von Yigal Ozeri. - © Galerie Ernst Hilger

Jedes Haar wird einzeln frisiert

Bekannt ist der 1958 in Israel geborene Künstler, der als abstrakter Maler angefangen hat, bevor er im Prado vor den Hoffräulein von Velazquez ("Las Meninas") so etwas wie ein Erweckungserlebnis hatte, vor allem für seine Porträts. Bildnisse von schütter bis gar nicht bekleideten jungen Frauen, die er in eine idyllische Landschaft entrückt, in eine heile Sonnenschein-Welt. SEINE Porträtierten haben in diesen sinnlichen Symbiosen zwischen Schönheit, Licht und Wind also deutlich weniger Stoff am Leib als die des barocken spanischen Hofmalers. Hochaufgelöste Stadtflucht.

Ein paar dieser duftig luftigen Arbeiten, wo man die Natur förmlich riechen, die Stille hören und die ungemein präsenten Modelle beinah atmen sehen kann, weil der Maler die Fotovorlagen nicht einfach akademisch flach und glatt abgemalt, sondern ihnen mit dem Pinsel den Odem des Lebens eingehaucht hat, werden auch in seiner aktuellen Schau gezeigt. "My New Home" heißt sie übrigens, wobei: Sooo neu ist sein derzeitiges Zuhause eigentlich eh nimmer. In New York lebt er schließlich mittlerweile seit ungefähr 30 Jahren. Nach dem "Zurück zur Natur", dem Ausflug ins Grüne, ins Weltfluchtparadies, bleibt er nun in der überfüllten Millionenmetropole, im hektischen, lauten, grauen (oder grellen) Alltag. Die Zuzanna aus dem ewigen Sommer taucht hier gleichfalls wieder auf. Beziehungsweise ab. In den Untergrund, in die Nacht unter Tage ("Subway Series"). Und muss sich warm anziehen. Wird zur Venus im Pelz. Faszinierend, mit welcher Hingabe jedes Haar auf ihrem Kopf und im plüschigen Mantel geradezu einzeln gefärbt und frisiert wird. Und alles ist so lebendig, als würde der eingefrorene Augenblick gerade auftauen. Yigal Ozeri macht es einem echt unmöglich, NICHT ins Schwärmen zu geraten.

Die kleinen Geschichten im großen Ganzen

"A New York Story": Die umfangreiche Serie ist beste, in einfühlsame Malerei übersetzte Street Photography, die nicht bloß auf die auf Hochglanz polierten Stellen des Big Apple schaut. Im Gegenteil. Auch Obdachlosigkeit wird nicht ausgespart. (Angesichts eines provisorischen Pappendeckel-Heims, aus dem lediglich die Nike-Sneaker des Bewohners herauslugen, bekommt der Ausstellungstitel – "My New Home" – plötzlich etwas sehr Ambivalentes.) Die Motive sind auf einmal so realistisch wie der Malstil und der fotografische Blick des Malers (für die kleinen Geschichten im großen Ganzen, für die intimen Momente in der anonymen Masse) hat die Schärfe seiner Bilder.

Lady mit klarer Sicht auf die Welt: Aus Yigal Ozeris "New York Story". - © Galerie Ernst Hilger
Lady mit klarer Sicht auf die Welt: Aus Yigal Ozeris "New York Story". - © Galerie Ernst Hilger

Ein Bub sitzt auf einem Kübel und schleckt selbstvergessen sein Tüteneis, ein Asiate in Chinatown steht mit seiner Zigarette ein bissl verloren herum (die Einsamkeit des Rauchers vor der Tür), eine ältere Lady hat ihr Weltbild gut lesbar auf Buttons mit dabei ("Black lives matters" (sic!), "Tax the rich", "Guns don’t kill! People do!", "Fascism: Still a bad idea"). Ich wage zu prognostizieren, dass sie nicht Donald Trump wählen wird. Und am Ende wirft die "Tel Aviv Story" einen Blick in die bunte ALTE Heimat zurück.

Die Stadt, die vor Corona angeblich niemals geschlafen hat, hat eben viele Gesichter. Schon allein wegen der zahlreichen Leute, die da wohnen und mit einem herumrennen. Und Yigal Ozeris Spezialität ist nun einmal das Porträt.