"Wenn des Finken süßer Ton" – ein sehr lyrischer Titel für so eine zurückhaltende, beinah spartanische Ausstellung. Stammt übrigens aus einem Gedicht von Otto Bierbaum. Reimt sich dort auf "Wenn im Sommer der rote Mohn . . .". Ein anderes Zitat von diesem Autor ist zwar weitaus geläufiger, wäre aber bestimmt nicht so passend gewesen wie das mit dem Finken: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht." Denn zum Lachen ist da gewiss nix, dafür alles naturverbundener, als es zunächst den Anschein hat.

Die Elementarteilchen der Zeichnung

Im Bildraum 01 stellt tatsächlich ein Fink aus. Oder EINE Fink. KATHARINA Fink. Und wenn sie lauter kurze Stricherln in extremer Dichte diszipliniert aneinanderreiht und das Zeile für Zeile durchexerziert (von links unten nach rechts oben), ergibt das am Ende durchaus eine Landschaft. Quasi das Elementarteilchen der Zeichnung ist ja der Punkt, der sich zur Linie auswächst. Die Künstlerin sät auf der Fläche, die zum Feld wird, zur Wiese, nun freilich keine Punkte aus und wartet, dass die Striche wie Halme sprießen, Letztere muss sie schon händisch aus dem nulldimensionalen "Samen" herausziehen – mit dem Tuschestift. Bis zum sanft schwankenden Horizont (Fink: "Ich bin ka Maschine. Und ich mag das, wenn man sieht, dass das handgemacht ist.") lässt sie das weiße Blatt langsam zuwachsen. Ungefähr ein Jahr hat sie daran gewerkt. ("Ja, das war viel Arbeit.") Das geduldige Papier wird zum Zeit-Zeugen, kann ihre Ausdauer definitiv bezeugen. ("Man kommt so in einen Flow rein.")

Katharina Fink mit ihrem Quader, der zwischen den Dimensionen, zwischen Fläche und Raum, festhängt. - © Eva Kelety/Bildrecht Wien 2020
Katharina Fink mit ihrem Quader, der zwischen den Dimensionen, zwischen Fläche und Raum, festhängt. - © Eva Kelety/Bildrecht Wien 2020

In einer nächsten Stufe dringt die Zeichnung in den illusionistischen Raum vor und ein bissl in den realen, weil das Papier dezent von der Wand abhebt, nämlich das Relief eines perspektivisch verzerrten Quaders formt, nachdem es zuerst auf Architektenkarton kaschiert und von diesem am Schluss wieder heruntergenommen worden ist. Es "lebt", das Papier. Wellt und knittert sich unter konzentrierten Geraden, die kein Lineal ihrer Persönlichkeit beraubt hat. Drei aneinanderstoßende, freihändig linierte Flächen. Menschliche Geometrie, bei der man an ein ausgestochenes Stück Feld denken darf. Muss man allerdings nicht.

Striche nach der Ernte

Raum und Zeit: Wie geerntete oder gefällte Linien werden schließlich 3000 geschwärzte Bambusstäbe intuitiv auf ein Brett gebettet, erzeugen dynamische Bodenwellen, plätschern in dieser "Raumzeichnung" landschaftlich dahin (auch wenn der Begriff der Welle im Moment nicht unbedingt romantisch besetzt ist, jetzt, wo alle mit Bangen nach einer ominösen "zweiten Welle" Ausschau halten). Gewissenhaft hat Fink den Staberln nach dem Lackbad die "Rotznasen" abgeschnitten, die sich beim Trocknen gebildet haben. Sind das eigentlich EXAKT 3000 Stäbe? "Ich hab 3000 Stück bestellt, also ich hoff’s. Nachgezählt hab ich’s aber nicht."

Dass Zeichnungen (ob auf der Fläche oder im Raum), die ausnahmslos aus parallelen Linien bestehen, ganz und gar nicht eintönig sein müssen, wäre nun wohl hinlänglich bewiesen. Selbst mit dem Simpelsten lässt sich ein Aufwand treiben. Eine ruhige, entschleunigende Ausstellung. Außer für Zwangsneurotiker. Für die wird das eher KEIN Erholungsurlaub. Die werden notgedrungen fleißig Bambusstäbe zählen (und nicht einfach darauf VERTRAUEN, dass es 3000 sind).