Sie konnte ihre erste Einzelpräsentation in Europa in der Wiener Secession zwar noch planen, ist aber kurz davor an Krebs verstorben: Suellen Rocca, 1943 als Suellen Krupp in eine jüdische Familie in Chicago geboren, lebte als Kuratorin und Künstlerin bis März 2020 in Illinois. Sie gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zur Künstlergruppe Hairy Who, einer Vereinigung von sechs Absolventen der privaten Kunstschule am Art Institute of Chicago, die sich nicht den damals gängigen Strömungen wie Minimal- und Pop Art anschließen wollten, sondern eine eigene poetisch-figurative Richtung entwickelten mit sehr persönlicher Bildsprache und Symbolik. Mit ihrer ehedem schrill figurativen Ästhetik wurden sie auch zu den "Chicago Imagists" gezählt und war durch eine Ausstellungsserie zwischen 1966 und 1969 äußerst einflussreich für die nächste Künstlergeneration.

Verrätselte Piktogramme

Suellen Rocca war vor allem in Europa unbekannt, weil sie 20 Jahre als Professorin für Malerei, Zeichnung und Design am Elmhurst College in Illinois gewirkt hat, wo sie später zusätzlich als Chefkuratorin für Ausstellungen in der Art Collection dieser Institution tätig war. Die eigene künstlerische Tätigkeit und den öffentlichen Auftritt hat sie dadurch und auch aus persönlichen Gründen - sie heiratete 1962 einen Schmuckvertreter und zog zwei Kinder groß - zurückgestellt und erst nach einer Pause von 20 Jahren 2015 wieder ihre eigenen Werke in New York präsentiert. Schmuckdesign und Kinderillustrationen, auch Comics spielen in ihrem privaten Kosmos mit, in frühen Jahren hatte sie sehr farbstarke verrätselte Piktogramme in einer Art Teppichmuster auf Papier und Leinwand eingesetzt, die auch von der ethnologisch geprägten Tribal Art und Europas Art Brut beeinflusst waren. Eine zweite dominante Schiene für Rocca war der Surrealismus mit seiner Neigung zum Unterbewussten und Notaten von Traumbildern.

Im Grafischen Kabinett hat Kuratorin Jeanette Pacher nach der Vorgabe Roccas ein installatives Setting aufgebaut, das mit den Bildern und Zeichnungen an den Wänden korrespondiert: Ein einfaches Bett und ein Paravent mit Rebus-artigen Zeichen stehen im Raum. Es ist kein Totenbett für die kürzlich verstorbene Künstlerin, auch keine Anspielung auf eine therapeutische Praxis, die Amerikas Psychoanalyse rückkoppeln würde zu Sigmund Freud, sondern wiederholt eines der in Wolkenformen immer wiederkehrenden Motive auf den Bildern und Zeichnungen der vorigen beiden Jahrzehnte.

Roccas Leinwände werden dominiert von einem Torso mit pastelligen Tönen, oft Pink und Türkis. Früher tauchten vor und in ihm Boote und Fische auf, die mit der Außenwelt oftmals zu verschmelzen schienen. Doch seit dem Jahr 2012 sind Bildsymbole wie Bett, liegende Figur, Haus oder Tisch und Sessel vor allem auf die Innenwelt dieses Torsos bezogen oder in eigene Wolken oder Gedankenblasen eingeschlossen. "I Locked My Door Upon Myself", das berühmte Gemälde Fernand Khnopffs von 1891 nach einem Gedicht von Christina Rossetti im Umfeld der englischen Präraffaeliten, kehrt da gedanklich nach 100 Jahren in die Secession zurück.

Traumsetting für Erwachsene

Die Verbindung von persönlich gewählter Poesie mit einer Art des Bilder-"Schreibens" teilt Rocca auch mit der ebenso an Krebs verstorbenen Wiener Künstlerin Birgit Jürgenssen, die wie sie eine Vorliebe für ikonische Bildzeichen von der ägyptischen Hieroglyphe bis zur individuellen Mythologie der 1970er Jahre hatte. Insofern ist vor allem der Torso "Night" aus dem Jahr 2014 vergleichbar - aber auch die feministischen Lebensthemen der beiden Künstlerinnen sind es sowie ihr Hang dazu, die Bildsprache aus den aufkommenden Neuen Medien zu inkludieren. Text und repetitive Bildzeichen, Farbigkeit und hohe Sensibilität sprechen jedenfalls aus diesem Traumsetting für Erwachsene, die Rückblicke in ihre Kindheit nicht scheuen. Eine völlig unspektakuläre, aber mit viel Respekt umgesetzte posthume Ausstellung, die hoffentlich die Erinnerung an die Künstlerin wachhält - und hierzulande das Interesse für sie weckt.