Unser Planet ist bekanntlich der blaue. Rund zwei Drittel der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Und wenn das mit der Erderwärmung und der Polkappenschmelze und dem Anstieg des Meeresspiegels so weitergeht, sind’s bald noch mehr. Die dominante Spezies (das Corona-Virus? – nein, immer noch der Mensch) hat zwar kein so intimes Verhältnis zur dominanten Flüssigkeit wie die Fische oder die Nilpferde, besteht aber immerhin zu 60 bis 75 Prozent selber daraus, aus H2O, und wird außerdem erst bei der Geburt an Land gezogen beziehungsweise ins Trockene hinausgepresst. Quasi.

Ist Malen nur was für Spießer?

Sigrid von Lintig löst die Menschen jetzt schon seit vielen Jahren in Wasser auf. Einzeln. Na ja, Wasser IST nun einmal ein Lösungsmittel. Salzsäure wäre vielleicht effektiver, doch erstens wäre das Ergebnis ziemlich unästhetisch und zweitens ist die gebürtige Duisburgerin (Jahrgang 1965), die mittlerweile in Aachen lebt, schwimmt und arbeitet, keine Krimiautorin, sondern Malerin. Und drittens geht’s hier ums Leben, um die ständige Bewegung, ohne die man ertrinkt. (Reglos treiben bloß Wasserleichen dahin.)

Lebendes Aquarell: "Girl with yellow Sari" vonSigrid von Lintig. 
- © Galerie Frey

Lebendes Aquarell: "Girl with yellow Sari" vonSigrid von Lintig.

- © Galerie Frey

"Eintauchen, auftauchen – Erneuerung" heißt die erfrischende Schau in der Galerie Frey jedenfalls nicht zufällig (auch wenn die Modelle da allesamt noch komplett unter Wasser sind, also noch nicht wiederaufgetaucht und wiedergeboren – und nachher ist selbstverständlich noch alles an ihnen dran, aufgelöst werden sie nämlich rein optisch, von den Gesetzen der Physik, der Lichtbrechung). Die Künstlerin "erneuert" sich übrigens selbst jeden Morgen, ist definitiv nicht wasserscheu. Geht zuerst einmal ins Hallenbad und danach ins Atelier, wo sie für acht Stunden diszipliniert Körper im Wasser malt. Von 10 bis 18 Uhr. Von Lintig: "Klingt spießig, ist aber so." Schwimmen und Malen verfließen bei ihr untrennbar miteinander, sind wie zwei Ufer desselben Gewässers, Tschuldigung: SIND das Gewässer. Farben (die mischt sie selber, Pigmente mit Acrylbinder) sind schließlich ebenfalls flüssig. Zumindest während des Malens.

Welche Farbe hat das Wasser?

Schwimmen und ver-schwimmen: Die Schwimmer in Bade- oder Straßenkleidung (meistens freilich Schwimmer-innen) scheinen sich im Schwimmbecken zu verflüssigen (was kein Euphemismus dafür ist, dass sie ins Chlorwasser ein paar Milliliter von sich selbst einleiten würden), sie verschmelzen mitunter bis zur totalen Abstraktion mit dem gechlorten Element, driften beschaulich durch ozeanische Gefühle und über das "rauschig" schwankende Linienraster des gekachelten Bodens oder wühlen alles theatralisch auf, erzeugen Bläschen, wilde Strudel, ihre Leiber deformieren sich dabei, als wären sie ein Werk von Francis Bacon (das Wasser fungiert sozusagen als Bacon-Filter), und mit ihren bunten Kleidern und gelben Saris werden sie sowieso zu lebenden Wasserfarben. Welche Farbe HAT das Wasser überhaupt? Blau? Oder doch keine? (Aus dem Wasserhahn kommt es ja völlig ohne heraus.) Bei Sigrid von Lintig ist es beides: türkis/smaragdgrün UND farblos. (Sind das nicht eigentlich DREI Farben?)

Rotieren, bis man abstrakt ist (und Sigrid von Lintig einenmalt): "Rotation I." 
- © Galerie Frey

Rotieren, bis man abstrakt ist (und Sigrid von Lintig einenmalt): "Rotation I."

- © Galerie Frey

Im Wasser Theater machen

Der Pool als Bühne für sinnliche Wasser- und Lichtspiele, für blubbernde Actiondramen mit künstlicher und natürlicher Beleuchtung (im Frühling und Herbst mit der spätnachmittäglichen goldenen Stimmung), sogar mit Requisiten und Kostümen. Schwerelos wird da im Smaragdgrün geschwebt oder im Türkis dynamisch rotiert. Und die Künstlerin (einmal hat sie gar einen Anwalt, der sich selbst gemimt hat, im Anzug und mit Aktentasche reinspringen lassen ins Nass) genießt die Show derweil aus der Bademeisterperspektive. Macht fleißig Fotos ("mein Skizzenmaterial"). Und wenn sie selber abtaucht (und sie kann lange die Luft anhalten, hat Apnoetaucherfahrung – "Das kann ich meinen Modellen nicht zumuten, da muss man schon mal zwei Minuten unter Wasser aushalten können."), dann fotografiert eben ihr Mann.

Stille Wasser sind angeblich tief, prickelnde allerdings auch. Locker 20, 30 Schichten (in feinster Lasurtechnik) hat diese fulminante Malerei, die den Pinsel nicht wegleugnet, seine Spuren nicht im perfekt gemalten Wasser ertränkt, sondern Fotorealismus und abstrakte Kunst virtuos auf der Leinwand vereint und dabei nicht nur lustvoll hydrologische und Bewegungsstudien betreibt, sondern genauso leidenschaftlich sich selbst erforscht. In diesen Bildern möchte man am liebsten schnorcheln.