Schlangen, Palmen und Zungen ("About Snakes, Palms, and Tongues") – diese Liste erhebt allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit. In der Galerie von Sophie Tappeiner findet man nämlich außerdem noch vier Bänke, fünf Pools, eine Muschel und es wird jede Menge Haut gezeigt. Aber hätte man das alles schon im Ausstellungstitel erwähnt, wäre der wohl etwas lang und unhandlich gewesen.

Klingt soweit nach tropischem Urlaubsparadies (besonders das mit den Palmen, den Pools und der nackten Haut – das mit den Schlangen eher weniger), obendrein plätschert es die ganze Zeit verheißungsvoll unten im Keller. Strand gibt’s zwar keinen, dafür kann man selber stranden, unter Palmen, oder sich zumindest gleich beim Eingang faul unter eine Markise setzen, die ihre Palmenblätter, die aus einer Latexhaut herausfingern, schützend über jeden hält, der Platz nimmt. (Das englische "palm" bedeutet ja nicht nur Palme, sondern auch Handfläche.) Ein markantes architektonisches Requisit, mit dem Liesl Raff die räumlichen Verhältnisse kurzerhand komplett umdreht. Als wäre man auf der ANDEREN Seite der Schaufenster. Also draußen. Die "Pools" (wobei: Die ähneln mehr Wasch- als Schwimmbecken) befinden sich ebenfalls grad in einer Übergangsphase. Suggerieren Bewegung, Wandel. Streifen ihre Latexhülle ab, beziehungsweise wirkt es so, als würde die Schwerkraft diese runterziehen und den gläsernen Epoxidharz-Körper allmählich entblößen.

Und der Keller ist eine Schlangengrube

"Cascade" (wie dieser Wasserfall, wo sich das Wasser über Stufen stützt): NOCH mehr Palmblätter, die sich die 1979 in Stuttgart geborene und jetzt in Wien lebende Künstlerin notgedrungen per Post schicken hat lassen. ("Kann man bestellen. Ich wollte eigentlich mit dem Palmenhaus arbeiten, aber Corona kam dazwischen.") Diesmal sind sie malerisch in dezent gefärbten Latex eingelegt, verwandeln sich in rosige Zungen, züngeln schwebend in einem fließenden Rhythmus von weit oben auf den Boden hinunter. Eine imposante Säule, die sich sozusagen selbst leckt? Ein Zungenmonster? Ein stummer Redeschwall?

Ein Zungenmonster? Palmenblätter, Latex und Stahl vereinigensich in Liesl Raffs "Cascade". 
- © Peter Mochi

Ein Zungenmonster? Palmenblätter, Latex und Stahl vereinigensich in Liesl Raffs "Cascade".

- © Peter Mochi

Und der Keller? Eine Schlangengrube. Nicht, dass Gefahr bestünde. Keine Angst, die "Snakes" sind lediglich schlanke, glatte, senkrecht an den Wänden montierte Stahlrohre, die sich häuten, deren reptilisch strukturierte Latexhaut mutmaßlich der Erdanziehungskraft "entgegenrutscht", zu langsam, um es mit freiem Auge wahrnehmen zu können, während man selber tiefenentspannt dem Rauschen des Wassers lauscht, das in einer bildschirmschonertauglichen Videoprojektion beschaulich aus einer Muschel rinnt und einen in den Alpha-Zustand versetzt, in diesen Zustand zwischen Tagesbewusstsein und Traum. (Diesen kitschig-romantischen Muschel-Wasserhahn hat die Künstlerin übrigens in einem Hotel in Mexiko entdeckt.)

Das Material ist polyglott

Subtil spielt Liesl Raff mit Zweideutigkeiten, ver- und enthüllt, macht neugierig, lässt unterschiedliche Werkstoffe konfliktreiche Dialoge führen, hört ihnen empathisch zu. (Raff: "Ich benutze gern natürliche Materialien zusammen mit industriellen. Sie schenken sich gegenseitig ihre besten Eigenschaften. Sie tun sich gut.") Und worüber unterhalten sie sich? Über Veränderung, Metamorphosen, Erneuerung, die Verletzlichkeit, das Verhältnis des Menschen zur Natur. Selbst der Latex erzählt insgeheim von weinenden Bäumen, von klaffenden Wunden in der Rinde, die dem Kautschukbaum beim Melken zugefügt werden, damit er seinen Milchsaft wie Tränen oder Blut vergießt.