Er heißt definitiv nicht Odysseus (eh nicht, sein Name ist Patrick Baumüller), aber man muss ja nicht denselben Namen haben wie ein großer Held, um auf die Idee zu kommen, ein trojanisches Pferd zu bauen. (Das ist bekanntlich jener geschenkte Gaul, dem die Trojaner vielleicht nicht unbedingt ins Maul schauen hätten sollen, doch es wäre durchaus ratsam gewesen, seinen Bauch zu inspizieren.)

Okay, DIESES Exemplar ist vergleichsweise klein. Sonst würde es wohl kaum auf ein Skateboard passen, oder? Warum MUSS es das überhaupt? Baumüller: "Ein trojanisches Pferd kann ja von selber nicht laufen." Nachsatz: "Dann rollt man es vor die chinesische Mauer und es hofft auf Einlass." Die chinesische Mauer? Weshalb ausgerechnet die? Na ja, der Künstler war letztes Jahr in China und eigentlich hat er nicht versucht, das Pferd den Chinesen zu schenken, sondern er hat es UNS mitgebracht. Was von ihm derzeit in der Galerie Michaela Stock zu sehen ist, ist jedenfalls großteils "Made in China" (so oder so, also von ihm selbst dort erzeugt oder unter Einbeziehung chinesischer Massenware produziert – oder beides) und handelt trotzdem von der ganzen Welt. Vom Turbokapitalismus und Konsumwahnsinn und wie sich das auf die Umwelt auswirkt.

Trojanisches Pferd mit "China-Akne". Von PatrickBaumüller.
 - © Patrick Baumüller/Galerie Michaela Stock
Trojanisches Pferd mit "China-Akne". Von PatrickBaumüller. - © Patrick Baumüller/Galerie Michaela Stock

Wann, bitte, war die Gang-Bang-Dynastie?

Sein trojanisches Pferdl in Unschuldslamm-Weiß hat übrigens nix zu verbergen, das trägt seine Gaben offen wie einen Ausschlag mit sich herum, ist dekorativ gepanzert mit einer Verpackungsorgie, mit Abgüssen von leeren Hüllen für Asia-Fastfood und Süßigkeiten (mit dem Inhalt hat sich bestenfalls der KÜNSTLER den Bauch vollgeschlagen). Ein Schlachtross für den Preiskampf? Um fremde Märkte mit Billigzeugs zu erobern, koste es, was es wolle? Ein Denkmal der globalisierten Wegwerfgesellschaft?

Vieles wirkt zunächst harmlos, kitschig, lieb, ist bei näherer Betrachtung freilich eine Falle. Transportiert zwar keine feindlichen Krieger, aber immerhin leise Kritik. Der Humor kommt sowieso hinterfotzig daher. Die handlichen Drachen zum Beispiel (oder ist das eine Dracherl, diese geflügelte Schlange, ein gefallenes Engerl?). Angeblich Grabbeigaben aus der frühen Gang-Bang-Dynastie, in Wahrheit in Bronze gegossener Plastikabfall. Gang-Bang – klingt wie ein Gericht aus dem China-Restaurant (Gong-Bao-Chicken). Oder "Gang-Bang" wie das Rudelbumsen?

Stolz auf sein Holz

Vielsagend ist der Titel der Schau: "Walking the Plank" (und die Planke ist eindeutig kein Catwalk, über die haben die Piraten vielmehr ihre Opfer ins nasse Grab gejagt). Denselben Titel hat ein eher unscheinbares Opus, nämlich das Brettl eines Parkettbodens aus edlem Tropenholz. (Auf dieser "Planke" trampelt man ja theoretisch tatsächlich rum. Auf er- beziehungsweise ver-legten Bäumen.) Wie ein Warnschild hängt es an der Wand. Oder als Trophäe, schließlich verkünden die chinesischen Schriftzeichen stolz: "Der Wald verschwindet mit der Zeit, aber dieses Stück Holz gehört noch mir." Haben, haben, haben um jeden Preis, während die Regenwälder und Arbeiter an einem Burnout leiden, um die Profitgier der Konzerne zu befriedigen. Letztlich selbstmörderisch. Irgendwann geht die Menschheit über die Planke. (Und ertrinkt nachher in einem Meer aus Plastikmüll.)

Oder stirbt sie noch vorher an Corona? "Da hab ich mich hinreißen lassen, ein Corönchen zu machen." Nein, der Baumüller hat das Virus NICHT erschaffen, er lässt dessen Gestalt lediglich flüchtig in Tusche übers Papier fließen. Eine freie Interpretation dieses Exportschlagers aus China. Ist der pseudochinesische Bildtitel ("Coro Na Nie") nun pubertär, weil er – pfui! – onaniert, oder hat er nicht irgendwie doch recht, zumal die Leute wegen dem Social Distancing auf sich selbst zurückgeworfen sind und höchstens mit dem Babyelefanten kuscheln sollen (mit Dum Bo)?

Kein Bonsai, sondern das zarte Pflänzchen Hoffnung

Überall Ambivalenzen, politische Unkorrektheit (etwa das Porträt eines Chinesen: Smiley mit Konfuziusschnauzer, geklebt mit Isolierband auf einen gelben Farbkübeldeckel) und prekäre Verhältnisse. Zum Mitspielen wird der Besucher ebenfalls aufgefordert. Bitte an der "Yes"-Scheibe ziehen, die mit einer Spiralfeder am Ja-Sager-Galgen baumelt, und sich gleichschalten lassen vom hypnotisierenden Auf-und-ab-Wippen, das devotes Nicken imitiert ("Nick-Me-Nod"). Oder man schaut drei Würfeln, diesen primitiven Zufallsgeneratoren, zu, wie sie zu einer für uns unhörbaren Musik tanzen. Auf einer Lautsprechermembran (Made in China), die von einer Infraschallquelle zum Vibrieren gebracht wird. Eine Art Schicksalsspiel. (Baumüller: "Die Chinesen sind sehr verspielt.")
Eine ziemliche apokalyptische Ausstellung. Prophezeit die uns den unausweichlichen Weltuntergang? Keine Sorge, das zarte Pflänzchen Hoffnung sprießt hier auch wo empor. Und nicht bloß eines. Gleich fünf davon. Bonsais? Mini-Buchen in Töpfchen? Falsch. Aus den Bucheckern, die der Künstler im Wienerwald gesammelt hat, hat er in den zwei Jahren einfach nicht mehr rausziehen können. Was? Er VERSTEIGERT seinen "Nachwuchs" grad? ("Und jetzt hab i ma gedacht, mach ich’s zu Geld." Noch bis zum 28. August, 16 Uhr, kann jeder mitbieten.) Verräter! Andererseits, wer kann es sich schon leisten, die Welt GRATIS zu retten? Oder wenigstens das Klima. Reich wird er allerdings ohnedies nicht werden. Die Höchstgebote liegen im Moment bei zwölf bis 30 Euro.
Böse. Und das ist gut so.