Weniger ist mehr, wird behauptet. Manchmal ist es aber nicht einfach nur mehr, im Extremfall kann weniger sogar dermaßen viel sein, dass man, um im Paradox dieses geflügelten Wortes zu bleiben, wirklich nichts mehr weglassen kann. Joannis Avramidis WAR so ein begnadeter "Extremist", der ein Bildhauerleben lang hinter der puren Form her war und die menschliche Figur maximal reduziert hat, auf ihre Essenz.

Und wie er selbst seinen unverkennbaren "anderen" Blick auf den Menschen geworfen hat, gewährt die Ausstellung "Another Look" (Galerie Crone) nun ihrerseits erhellende Einblicke in das Schaffen des griechisch-österreichischen Bildhauers. (1922 als Sohn pontischer Griechen in Batumi, damals UdSSR, heute Georgien, geboren, 1943 als Zwangsarbeiter nach Österreich gekommen, wo er an der Wiener Kunstakademie studiert und später unterrichtet hat, 2016 in Wien gestorben.) Neben Bronze- und Aluminiumskulpturen, wo archaische Strenge und moderner Minimalismus zu einer zeitlosen, geschlechtsneutralen Anmut amalgamieren, werden nicht zuletzt auch jede Menge kolorierte Entwürfe und Proportionsstudien auf kariertem Papier gezeigt, mit denen man quasi zum Mittelpunkt von Avramidis‘ Welt reisen kann, zum mathematischen, konstruktivistischen Kern. Beharrliches Durchspielen der Möglichkeiten, präzise Maßangaben und handschriftliche Notizen wie "unmöglich?" oder "Hals zu lang" beweisen dabei unwiderlegbar, dass nichts so kompliziert und aufwändig in der Herstellung ist wie die Einfachheit.

Bereit zum Sprung in die nächste Dimension

Und irgendwo dazwischen, zwischen Zeichnung und Skulptur, also irgendwo zwischen der zweiten und der dritten Dimension, liegt das Reich der Alu-Schablonen. Dieselben elementaren Themen wie in 3D (Schreitende, Sitzende, Köpfe), nur eben auf Holz- oder Kunststoffplatten montiert oder aufgehängt wie abgelegte Kleidungsstücke in der Garderobe ("Installation aus Mittelprofilen"). Die Sehnsucht der Fläche nach dem Raum konzentriert sich im Blech, während Zahlen und Markierungen bereits den Sprung in die nächste Dimension vorbereiten, eine Vision von der konstruktiven Erweiterung ins Skulpturale haben. 2 und 3D kommunizieren hier sowieso überall miteinander, führen intime Dialoge. Schlanken, eleganten, stark abstrahierten "Bandfiguren" antworten NOCH schlankere, nämlich flache Echos an den Wänden.

Auf jeden Fall weiß man jetzt, dass es harte Arbeit ist, bis man einer dreidimensionalen Linie aus Bronze das Sitzen beigebracht, sie zu einer überzeugenden sitzenden Figur dressiert hat. Radikal schlicht und trotzdem ist alles gesagt.