Zu schreiben beginnt er mit 11 Jahren, mit 12 ist er Österreichischer Jugendstaatsmeister im Segeln. Danach ist er von 1957 bis 1962 drei Mal Österreichischer Staatsmeister. Die Regatta in Triest gewinnt er drei Mal hintereinander. Der Sieger wird damals stets namentlich genannt, dazu kommt nicht das Land, sondern die Segel-Region, aus der er kommt. Im Fall des Österreichers steht also: Christian Ludwig, Attersee.

Der Künstlername stand fest.

Geboren wurde der Segler und Künstler als Christian Ludwig heute vor genau 80 Jahren (am 28. August 1940) in Pressburg (heute Bratislava). Seine Jugend verbringt er in Aschach bei Linz – und vor allem am Attersee.  Mit sieben Jahren sitzt er das erste Mal mit seinem Vater in einem Segelboot. Die Rückfahrt lässt ihn der Vater allein segeln.

"Karfreitagstelle 96" von Christian Ludwig Attersee. - © APAweb / APA/Palais Harrac
"Karfreitagstelle 96" von Christian Ludwig Attersee. - © APAweb / APA/Palais Harrac

Respekt vor dem Wasser streitet er ab – hat ihn wohl dennoch, aber nicht so wie Landratten, sondern im Sinn eines Profi-Seglers, der mit Wind und Wasser rechnen muss. Im Frühjahr 1961 kentert er auf dem Attersee – beinahe ertrinkt er im eiskalten Wasser. Im letzten Moment wird er gerettet. An Land massiert ihn seine Mutter ins Leben zurück.

"Hechtgarten" ist eines der charakteristischen großformatigen Bilder von Christian Ludwig Attersee. - © APAweb / APA/Atelier Attersee
"Hechtgarten" ist eines der charakteristischen großformatigen Bilder von Christian Ludwig Attersee. - © APAweb / APA/Atelier Attersee

Jugendtraum Regattasegler? – Jugendtraum Opernsänger! Doch den muss Christian Ludwig Attersee begraben, nachdem ihn eine Krankheit einen Teil seines Hörvermögens kostet.

Aktionismus und Gegenposition

Doch neben dem Segeln prägt der Wille zum künstlerischen Ausdruck schon die Jugendvon Christian Ludwig Attersee: Neben Romanen und Liedtexten entstehen Comics und Bühnenbildentwürfe. Der Weg führt weg vom Attersee nach Wien an die Akademie für angewandte Kunst: An das Studium der Bühnenarchitektur schließt Christian Ludwig Attersee das der Malerei bei Eduard Bäumer an, das er 1963 erfolgreich abschließt.

Ab Mitte der 1960er Jahre bewegt sich Attersee im Kreis der Gruppe des Wiener Aktionismus. Er beteiligt sich an Aktionen von Günter Brus, Hermann Nitsch und Gerhard Rühm. Seine  "Gegenstandserfindungen" spielen mit Erotik, skurrile Objekte wie "Speisekugel", "Speiseblau" oder das "Attersteck" machen ihn 1964 schlagartig als Star der europäischen Pop Art bekannt. Seine Kunst, die jetzt immer öfter großformatige Bilder mit klarer figürlicher Darstellung bedient und die künstlerische Idee über das Konzept stellt, entwickelt sich zunehmend zu einer Gegenposition zum Aktionismus.

Star der österreichischen Malerei

Es folgen Ausstellungen in ganz Europa. Wobei Christian Ludwig Attersee immer wieder Grenzen zwischen Ausstellung und Inszenierung durchbricht. 1984 vertritt er Österreich auf der Biennale in Venedig. 1985 publiziert er seine LP "Lieder von Wetter und Liebe". Im folgenden Jahr gestaltet  er Wiens ersten Champagnerball im Konzerthaus, ein Jahr später entwirft er eine Schiffsschaukel für André Hellers "Luna-Luna-Rummelplatz". 2006 hüllt er für sechs Wochen den Wiener Ringturm in ein, und im November 2007 vollendet er das 220 Quadratmeter große Innenraummosaik "Reichtum Erde" in der Geologischen Bundesanstalt in Wien. Ein Werk Attersees, das jeder sehen kann, ist die 1996 fertiggestellte Glasmosaik-Fassade auf Mariahilfer Straße 78–80.

Nachdem Attersee 2013 den "Slalomtanz" als Plakat für die FIS Alpine Ski WM Schladming entworfen hatte, gab es 2018 Krach wegen eines Skisport-Plakatmotivs, das eine nackte Skiläuferin zeigte und als  sexistisch aufgefasst wurde. Der Veranstalter WSV Semmering zog es zurück.

Seine Leidenschaft für Ballett und Musiktheater manifestiert sich in Bühnenbildern, etwa "Bastien und Bastienne" und "Der Schauspieldirektor" (Schönbrunner Schlosstheater, 1993), "Die Fledermaus" (1998, Teatro da Trinidade, Lissabon), "Petruschka" (Wiener Staatsoper, 2005), "Salome" in Bremen (2008).

1990 beruft die Universität für angewandte Kunst Wien Attersee als außerordentlicher Professor an die für "Meisterklasse für experimentelles Gestalten", 1992 wird ihm als ordentlicher Professor die "Meisterklasse Malerei, Animationsfilm und Tapisserie" übertragen. Er lehrt an der Angewandten bis 2009.

Die Sinnlichkeit des Farbentanzes

Attersees Kunst ist von Natur und Erotik erfüllt. Wind, Wetter und Sexualität spielen eine große Rolle. Fische, Wasser und Boote sind wesentliche Motive. Über diese Motive hinaus sind die Bilder Attersees aber von außergewöhnlicher Sinnlichkeit. Dem intensiven Farbenspiel scheinen die schwarzumrandeten Motive oft nur als Kommentar des Farbentanzes aufgesetzt. Weiß gischtet auf zwischen den Blau-, Gelb- und Rottönungen. Die Dynamik ist bis zum Rausch gesteigert. Der Betrachter empfindet nahezu physischen Genuss angesichts der Bilder Attersees. Die Titel der Bilder – poetische Erfindungen wie "Mondzimmer", "Nachtapfelparade", "Ein Brot voll Sterne". Und immer wieder der Bezug zum Wasser, zu Booten: "Gischtmitte" und "Jollengold" hießen Außstellungen, Bilder heißen "Fischparade" und "Fischrose".

So findet in der Welt des Christian Ludwig Attersees alles zusammen: Natur und Kunst, Sinnlichkeit, Freude und – ja, auch Tiefenschau.

Dass bedeutende Kunst auch in der Gegenwart ganz einfach schön sein und ein Gefühl von Genuss und Freude verursachen kann, ist die vielleicht beglückendste Lehre, die uns Christian Ludwig Attersee erteilt.

Und immer noch segelt er. Das Erlebnis von Wind und Wasser, das Beherrschen von Segel und Ruder - es ist seine Natur so wie Farbe und Wort.