Sie sind unter uns. Oder eigentlich sind sie viel lieber auf unserem Essen. Die Aliens? Nein, die Fliegen und die Ameisen. Und hier krabbeln sie einem sogar übers Gesicht. WERDEN zu diesem, verschmelzen komplett mit ihm. (Diese Viecher haben nicht den geringsten Sinn für Social-Distancing.) Aus dem Bildraum 07 haben Christa Sommerer und Laurent Mignonneau nämlich eine Begegnungszone für Menschen und Insekten gemacht. Eine Kooperation der Bildrecht mit der Ars Electronica.

Erkenne dich selbst als Ameise

Rundum wuselt’s und wurlt’s. Schon einmal ein Selfie mit Ameise gemacht? Ein Spiegel (diese Vorrichtung zur Herstellung von ephemeren Selbstporträts – freilich ohne Gedächtnis) bringt jedenfalls den "Homo insectus" in jedem zum Vorschein, der hineinblickt. Genau genommen ein Monitor mit Kamera, und sobald sich wer nähert, kriechen aus zahllosen Löchern plötzlich 1000e Ameisen heraus und studieren die fremden Gesichtszüge, ahmen die menschliche Physiognomie nach, folgen den Linien und Konturen, fertigen spontan ein Spiegelbild an. Und wenn man die Ameisen anlächelt, grinsen sie zurück. (Gewissermaßen. Zumindest die, die den Mund nachzeichnen.) Die Live-Übertragung einer Betonwand, in der künstlerisch talentierte Ameisen leben? Falsch. Eingescannte echte Ameisen, die das Künstlerduo in der virtuellen Welt mit einem selbstgeschriebenen Computerprogramm "dressiert" hat. Geil.

Fliegen, die Würze des Lebens: "Fly Salt" and "Fly Perfume" von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau. - © Sommerer & Mignonneau
Fliegen, die Würze des Lebens: "Fly Salt" and "Fly Perfume" von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau. - © Sommerer & Mignonneau

Weshalb ausgerechnet Ameisen? Sommerer: "Wir hatten selbst oft Ameisen im Haus, sie krabbeln überall hinein und lassen sich nur schwer loswerden. Obwohl die einzelne Ameise nicht sehr intelligent ist, so sind sie doch in der Masse und Gemeinschaft fähig, sich gegen den Homo sapiens erfolgreich zur Wehr zu setzen." Und sein Zuhause zu übernehmen. Tja, nicht auf die Größe kommt’s an. MASSE ist Macht. Und die Masse formiert sich bei Sommerer & Mignonneau originellerweise zum Individuum (okay, einer anderen Spezies).

Und die Fliegen stehen, Tschuldigung: fliegen, anscheinend total auf Medienkunst-ExpertInnen mit Binnen-I. Schließlich ordnet sich ein hektischer Fliegenschwarm, ein aufgeregtes Chaos aus Myriaden von hyperaktiven "Pixeln" mit Beinchen und filigranen Flügeln, zu immer neuen Porträts von Personen aus der Media-Art-Szene. (Natürlich wieder eine VIRTUELLE Video-Action. Nicht die besten Dompteure und Tiertrainer könnten Fliegen im RICHTIGEN Leben dazu bringen, das zu tun.) He, fast wie in diesem Horrorfilm ("Die Fliege"), wo man sich ebenfalls nicht ganz sicher ist, wer sich da mit wem identifiziert. (Jeff Goldblum mit der Fliege oder die Fliege mit Jeff Goldblum?) Allerdings mit viel mehr Fliegen.

Der etwas andere schwarze Tee

Ein Fliegentee? Warum nicht? Fliegen suchen ohnedies gern unsere Getränke heim, wieso sie also nicht GLEICH in einen Teebeutel stopfen? (Und diesmal "analoge", keine digitalen.) Aber wohl nicht zufällig ist der "Fly Tea" ein Unikat. Den Massengeschmack wird er ja wahrscheinlich eher nicht treffen. Genauso wenig wie das "Fly Salt" oder das "Fly Perfume" (beides mit eingelegten Fliegenkadavern). "Christa & Laurent" steht auf dem Flakon. Nicht zu verwechseln mit "Yves Saint Laurent".

Hm. Tote Fliegen, diese klassischen Symbole der Vergänglichkeit und des Todes, im Parfum. Weil ein Duft "verfliegt" wie das Leben? Andererseits sind animalische Zutaten in Duftwässerchen nix Ungewöhnliches (Moschus . . .). Christa Sommerer: "Die Fliegen liegen nun schon relativ lange in diesem Parfum und haben sicherlich auch schon chemische Stoffe an das Parfum abgegeben." Und wie riecht’s? "Erstaunlicherweise sehr gut." Lauter Hommagen an ein ambivalentes Zusammenleben, eine konfliktreiche Beziehung im Spannungsfeld zwischen Ekel und Faszination, Fliegenklatsche und Resignation.

Apropos Fliegenklatsche: Die Exemplare schauen definitiv nicht erschlagen aus. Mehr friedlich entschlummert. Und tatsächlich hat das Duo keiner Fliege was zuleide getan. Die sind von selber gestorben. Im Wintergarten.

Das Ego ist auch nicht gern allein

Und was kann dieses mysteriöse "Ego-Meter"? Na ja, es misst das Ego. (Blöde Frage.) Man berühre die beiden Metallstifte und schließe dadurch den Stromkreis, dann schlägt der Zeiger wie wild aus, es dröhnt und pfeift, als würde es das Kastl gleich zerreißen (ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Ego dermaßen riesig ist), und am Ende springt ein Zähler um eins weiter. Sommerer: "So wird jede erfolgreiche Publikumsbeteiligung das Ego von uns als Künstlerpaar erhöhen." Heißt das, ich hab denen einfach das 790ste Like gegeben? (Likes – die begehrteste Kryptowährung in der Beliebtheitsshow namens Leben.) Ist das insgeheim eine Like-Maschine? Selbst das Ego braucht eben andere. Und diese g’scheite interaktive Kunst ein Publikum. Nicht zuletzt wäre ohne Interaktion und Kommunikation kein einziges der ausgestellten Werke überhaupt erst entstanden. Sind immerhin Gemeinschaftsarbeiten.