Nach mehr als 100 Jahren Forschung ist das Rätsel um die niedrigen künstlichen Höhlen im Löss in Österreich und Bayern, "Erdställe" genannt, zwar noch immer nicht restlos gelöst, doch hält sie die Wissenschaft nun für mittelalterlich und nicht mehr prähistorisch. In einer Ausstellung des Photoinstituts Bonartes verbinden sich nun zeitgenössische Theorien mit der spannenden Geschichte ihrer ersten Dokumentation durch den Fotografen Emil Wrbata (1876-1956) - damals im Auftrag des Hobbyarchäologen Lambert Karner, einem Benediktiner-Pater aus dem Stift Göttweig. Karner publizierte 1903 "Künstliche Höhlen aus alter Zeit" gemeinsam mit der k. u. k. Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und etwa 50 Fotografien Wrbatas, der mit 20 Jahren bei Josef Maria Eder seine Lehre abgeschlossen hatte und von seinem Mentor für diesen ersten Auftrag empfohlen wurde - zusätzlich ausgestattet mit einem Stipendium des Ministeriums für Unterricht und Kunst.

Einige Gefahren

Emil Wrbata im Rundgang der künstlichen Höhle in Watzendorf. - © Benediktinerstift Göttweig
Emil Wrbata im Rundgang der künstlichen Höhle in Watzendorf. - © Benediktinerstift Göttweig

Über mehrere Jahrzehnte ab 1896 setzten sich Wrbata und Karner - sowie einige Besitzer der Erdställe, die auf den Fotografien zuweilen wegen der Größenverhältnisse mit zu sehen sind - einigen Gefahren aus. Denn die Erdställe waren eng, einsturzgefährdet und dunkel, zudem labyrinthisch verzweigt, was die Theorie der Schutzräume vor Räubern und Verfolgung in Krisenzeiten bei ihrer Lage unter Wohnhäusern begünstigt. Karner, der sein Denken lebenslang den Erdställen widmete, dachte jedoch wegen des Funds einer Keramik mit einem Sonnensymbol am Gefäßboden an einen heidnischen Sonnenkult. Räume für Initiationsriten von Kelten und Druiden sind eine weitere Deutung, weniger abstrus als jene von im Bergbau kundigen Zwergen, die entweder aus Kreta oder sogar außerirdisch per Ufo angereist sein sollen. Die Gewölbe und spitzbogenförmigen Nischen sowie andere Funde sprechen jedoch für das Mittelalter, wobei die geheimnisvollen Waldenser als Schutz suchende Ketzer ins Spiel gebracht wurden. Heute neigt man statt sexueller Initiationen unterirdischer Mutter- und Fruchtbarkeitskulte eher zu einer Art von "Abstreifkult", Abstreifen von Übel und Krankheit, die man sich nach Rückkehr ans Licht aus dieser Unterwelt erhoffte.

Ohne die zuvor in Berlin 1887 entwickelten Magnesiumblitzlichtmischung (eine entsprechende Lampe ist dazu in einer Vitrine zu finden) wären die Erdställe weiter nur zeichnerisch dokumentierbar geblieben. Die Zeichnungen fertigten die Maler Ignaz Spöttl und Ludwig Hans Fischer für Karners Buch und seine Diapositiv-Vorträge an. Mit dem explosiven Gemisch für das Blitzlicht setzten sich Fotografen damals der Brand- und Erstickungsgefahr aus, da neben fliegenden Explosionsstückchen der Rauch üppig und giftig war. In den kaum belüfteten Erdställen musste also knapp nach der Belichtung die Flucht nach oben angetreten werden.

Erheiternder Anblick

Gemeinsam mit den enormen Kosten für so eine wissenschaftliche Publikation wundert die niedrige Auflage für Bibliotheken und einige adelige Gönner keineswegs. Das Blitzlicht macht Personen zuweilen unsichtbar durch Überbelichtung, doch sind oft Schuhe und Hosenbeine des in den seitlichen Erdlöchern wegkriechenden Fotografen oder Forschers zu sehen. Bei dem erheiternden Anblick fühlt sich der heutige Betrachter an surreale Filme erinnert. In populären Zeitschriften wie der "Gartenlaube" oder der "Allgemeinen Kunst-Chronik" wurde allerdings 1887 von Spöttl auch des "Försters Töchterlein" mit Kerze statt Karner hineingezeichnet - frei erfundene falsche Bukolik, um die Leserschaft zu erfreuen.

Der junge Wrbata war durch das Meistern der schwierigen Situationen prädestiniert für weitere große Aufgaben - 1898 holte ihn die Wiener Polizeidirektion als Leiter ihres Fotoateliers. Über dieses zweite Leben als Tatort-Fotograf wird Monika Faber im "extra" der "Wiener Zeitung" noch berichten.