Franz Grabmayr (1927 bis 2015) war vermutlich erdverbundener als die meisten auf diesem Planeten, der trotzdem nicht "der braune" heißt, sondern "der blaue", obwohl sein Name Erde ist. Weniger gemalt als geackert hat er, der in Kärnten auf dem Land aufgewachsen ist und den es immer wieder dorthin gezogen hat, aufs Land nämlich. Bei seinen substanzreichen Bildern handelt es sich sowieso mehr um Landschaftsreliefs und plastische Farblandschaften als um Landschafts-GEMÄLDE. (Rein mit der Spachtel in den Kübel und rauf mit der Farbe auf die Leinwand!) Und die Galerie Artecont hat nun "Hidden Gems" (verborgene Schätze) aus der Verlassenschaft des Künstlers ausgegraben: intimere Materialbilder auf Papier und Karton zum Thema Tanz (entstanden 1986 bis 93).

Der Zeichenlehrer hat ihn umsonst an den Ohren gezogen

Kaum zu glauben, dass jemand, dessen Farben nicht aus der schlanken Tube gekommen sind, sondern aus dem Eimer, und der sich die Pigmente in 25-Kilo-Säcken gekauft und sich nachher mit ein paar Litern Öl und zehn Eiern seine Spachtelmasse selber zusammengemischt hat, dass so jemand zunächst Geometrisches Zeichnen unterrichtet hat (nebst Mathematik und Knabenhandarbeiten), bevor er den Lehrerberuf aufgegeben hat, um endgültig freischaffender Maler zu werden. Oder dass einer, der den "Jungen Wilden" ein Vorbild war und den sein Zeichenlehrer in der Hauptschule vergebens an den Ohren gezogen hat ("weil ich zu wenig ordentlich und brav gemalt hab"), mit der Lupe in der Albertina die Rembrandt-Radierungen studiert hat.

Die Erde tanzt: Materialbild von Franz Grabmayr. - © Grabmayr
Die Erde tanzt: Materialbild von Franz Grabmayr. - © Grabmayr

Grabmayr war ein kompromissloser Freiluftmaler, der seine archaischen Motive (die Sandgrube, das Feuer, die Felsen im Kamp . . .) im Waldviertel gefunden hat, wo er nach seinem Diplom an der Kunstakademie am Schillerplatz unter einfachsten Bedingungen gelebt hat (im Schloss Rosenau, dann in einem Vierkanthof mit Plumpsklo). Ja, vor den einzigen beiden dezidierten Landschaften in der Ausstellung ("Sandgrube bei Nacht", wo ein leuchtendes Blau im haptischen dunklen Himmel aufblitzt, und "Angekohlter Wurzelstock" mit echter Asche im ausgebrannten Schwarz) könnte einem jetzt durchaus der Gedanke kommen: "Hätt‘ er das nicht auch bequem indoor, im Atelier, draufklatschen können?" Hätte er natürlich NICHT können (das urtümliche Draußen drinnen malen). Wie hätte er sich denn, von schützenden Wänden umgeben, mit den elementaren Kräften der Natur identifizieren sollen, ihnen die Naturgewalt seiner Malerei entgegenschleudern? Außerdem: Bequemlichkeit war offensichtlich das Letzte, was ihm wichtig war (Stichwort Plumpsklo).

Das Motiv einkreisen – mit dem Traktor

Dass er früher oder später beim Tanz landen hat müssen, ist da eigentlich nur logisch. Bei so viel Bewegungsenergie. Nicht einmal sein Atelier hat stillhalten können (höchstens das im Karl-Marx-Hof, das für den Winter). Mit seiner "fahrenden Werkstatt" (einem Anhänger, den ein Traktor hinter sich hergezogen hat) hat er zwecks der allumfassenden Rundumsicht die Sandgrube eingekreist wie ein Raubtier (oder wie ein Aktionist), während die Flammen für ihn getanzt haben und manchmal zudem eine nackte Tänzerin aus Fleisch, Blut und Hitze. Im stationären Atelier hat er sich aber genauso vortanzen lassen, wie er jahrelang beim Balletttraining in der Wiener Staatsoper zugesehen hat. (Der neue Operndirektor Bogdan Roscic hat übrigens ein imposantes Tanzopus von ihm im Büro hängen.) Statt eingefrorener Posen lösen sich die Körper gänzlich in Rhythmus und Dynamik auf und der figurative Realismus in Abstraktion. ("Der Nurejew ist auch nicht stehen geblieben in der Staatsoper, wenn ich gearbeitet habe.")

Ob erdig-krustig (mit eingestreutem Sand) oder in lodernden Farben – meist ist die Figur auf den Blättern in der Galerie Artecont nicht mehr als ein vager Schatten. Ein mythischer Kampf mit der chthonischen Schwerkraft scheint da ausgefochten zu werden. Kraftvoll und sinnlich. (Selbst bei den leichtfüßigsten Tänzern müssen die Füße irgendwann auf den Boden zurück.)