Ein Punkt ist nicht unbedingt das Ende (gut, von diesem Satz schon). Er kann sogar der Anfang von allem sein. Von Materie, Raum und Zeit. Vor 13,8 Milliarden Jahren soll es so ein nulldimensionales Objekt ja angeblich "zerrissen" haben, und "auf einmal" war "alles" da. (Das Universum hat nämlich nicht bloß einen Knall, es hatte gleich einen Ur-Knall.)

"Es begann mit einem kleinen Punkt und es endete für mich in einem großen Universum." Wer hat das gesagt? Albert Einstein? Nein, überhaupt kein Physiker. Ein Zeichner! Der Hannes Mlenek. Fast schüchtern drückt sich das Zitat an der Wand der Lukas Feichtner Galerie herum. Hinter einer weniger bescheidenen, marmorweißen Skulptur. Die monumentale linke Hand des Künstlers visiert mit einem Kohlestift den weißen Plafond an (beziehungsweise die unendlichen Weiten sämtlicher Möglichkeiten). Eine Schöpfungsgeschichte. In der schwarzen Spitze konzentriert sich schließlich quasi der künstlerische Tatendrang, ist die Kreativität auf jenen Punkt gebracht, mit dem jede Zeichnung beginnt: mit dem Aufsetzen des Zeichengeräts auf der leeren Fläche.

Den Blick nicht auf Autopilot stellen

Wohl nicht zufällig fühlt man sich ein bissl an den ausgestreckten göttlichen Zeigefinger in der Sixtinischen Kapelle erinnert. Okay, dort ist Gott ein Rechtshänder, einen Adam erschafft der Mlenek allerdings ebenfalls. Und das immer wieder aufs Neue. Athletische Körper, kahlköpfig wie er, also eigentlich lauter Selbstporträts ("mein Körpergefühl"), bloß nicht so intakt und heroisch wie Michelangelos Kraftlackeln. Vielmehr scheinen die markigen, kohlschwarzen Linien die Anatomie zu dekonstruieren – oder zu re-konstruieren. Brüchiges Pathos. Der Blick erkennt auf Anhieb: Aha, ein Nackerter! Und muss sich trotzdem erst orientieren, sich die Teile aktiv zusammenzimmern (keine Sorge, man braucht keinen Inbusschlüssel wie bei Ikea), kann jedenfalls nicht auf Autopilot stellen. Muss der Neugier folgen, darf ungeniert schaulustig sein.

Muskelspiel? Nein, "Gedankenspiel" (2020). Von Hannes Mlenek. - © Lukas Feichtner Galerie/Michael Nagl
Muskelspiel? Nein, "Gedankenspiel" (2020). Von Hannes Mlenek. - © Lukas Feichtner Galerie/Michael Nagl

Und wo ist die Eva? Nirgends. Das hat nicht zwangsläufig was mit Narzissmus, Machismus oder einem anderen Ismus zu tun (zum Beispiel einem, der mit einem S anfängt). Eher was mit dem weiblichen Körper. Den kann man halt offenbar einfach nicht politisch korrekt darstellen. Höchstens ANATOMISCH korrekt, und das ist wiederum nie ganz unpolitisch. Mlenek: "Stellt man ihn erotisch dar, dann ist man ein Erotomane, stellt man ihn deformiert dar, ist man ein Frauenfeind. Mit dem männlichen Körper kann i machen, was i will." Stimmt. Der Mann ist kein Naturschutzgebiet. (Ist das jetzt nicht doch ein Ismus mit S?) Außerdem ist "der Mensch" nun einmal leider männlich, oder? (Mensch, der.)

Das Universum macht eine Fahrt ins Blaue

"Nicht nur blau" heißt die einprägsame Schau. Na ja, die sparsamen Pinselspuren und markanten malerischen Akzente, die mit den eigensinnigen körperbetonten Linien in einen intensiven, intimen Dialog treten, haben eben nicht ausschließlich diese kühlende, unaggressive, sehnsüchtige Farbe. Wobei: Ist ein expandierendes Universum (und Mleneks Kunst IST ein solches) nicht sowieso immer eine "Fahrt ins Blaue"? Die Zeichnung dehnt sich in die Malerei aus, in die Performance, den Raum. Während die Linie, gewissermaßen die Seele der Zeichnung, laut Werktitel den Körper verlässt ("Die Linie verlässt den Körper"), ist dem Bild die große Leinwand nicht genug, hallt es auf einer Reihe kleinerer Leinwandfragmente als visuelles Stakkato auf der noch größeren Galeriewand nach.

. . . und wartet im Keller auf Godot

Den Keller wird der 1949 in Wiener Neustadt geborene Künstler im Laufe der Ausstellung auch noch übernehmen, wird das, was die imposante Schöpferhand oben angekündigt hat, einen Stock tiefer wahrmachen. Direkt auf dem Gemäuer. Vorerst wird dort unten noch Ausschau nach jemandem gehalten, der nie auftauchen wird: Godot.

Nicht, dass es auf den Blättern dieses existenziellen Zyklus ("Warten auf Godot – blaue Serie") nix zu sehen gäbe. Im Gegenteil. (Übrigens überarbeitete ältere Papierarbeiten, "die mir nicht mehr gefallen haben. Und ich kann sehr schwer etwas wegwerfen.") Da wird wie in Becketts Stück sogar zu ZWEIT gewartet. (Auf einen Gott? Den Tod?) Und dennoch strahlen die kreatürlichen Leiber eine innere Einsamkeit aus, eine unerfüllte Sehnsucht nach einem Du. (Mlenek: "Letzten Endes sind wir in EINER Phase immer allein – in der letzten.") Elementare Begriffe in den sinnlich haptischen Verkrustungen fordern Auge und Verstand: "Aggregatzustand", "Fiktion und Wirklichkeit", "relative Anatomie", falsch, Tschuldigung: "Autonomie" (das mit der Anatomie hätte aber mindestens genauso gut gepasst). Vielfach gespiegelt oder auf dem Kopf stehend oder beides, denn Betrachten ist hier nix für Faule, die Bilder muss man sich erst verdienen. ("Ma soll sich a bissl bemühen.")

Dafür braucht man sich nicht zu grämen, wenn einem die rätselhaften skripturalen Gesten nichts sagen, die in Mleneks Bildwelten gern erscheinen wie unheimliche Menetekel. Die TUN lediglich so, als wären sie "richtige" Wörter. Menetekel? Mlenetekel, wenn schon.