"Am idealsten wär’s, wenn man einen Stahlklumpen im Boden vergräbt und gut gießt und sie wächst." Sie? Die Skulptur. So einfach geht’s natürlich NICHT. Robert Schad (von dem das Zitat und diese komplexen Gewächse aus genormtem massivem Vierkantstahl stammen) hat also gar nicht erst versucht, seine Objekte, die aber durchaus was Pflanzliches haben, mit der Gießkanne großzuziehen. Stattdessen hat der gebürtige Ravensburger (Jahrgang 1953) den Stahl . . . in einen Tanzkurs geschickt.

Tanz: im Wesentlichen nichts anderes als Bewegung im Raum. Und genau das TUN diese energiegeladenen dunklen Liniengebilde in der artmark galerie. Sich im Raum bewegen. Sie räkeln, verrenken und verknoten sich, balancieren schier schwerelos auf den Spitzen wie Ballerinen. Und überall zarte Berührungen, ein C "füßelt" diskret mit seinen beiden parallelen Echos. Manche von Schads dynamischen Skulpturen ("Meine Linie ist launisch, die darf alles.") waren tatsächlich bereits die Tanzpartnerinnen von "echten" Tänzern, die sich zeitgenössisch dazu bewegt haben ("Ich hab von denen mehr gelernt als von meinen Professoren."), beziehungsweise hat der in Frankreich und Portugal lebende Deutsche mitunter gleich komplette Bühnen für die menschlichen Performer gestaltet.

Irgendwann führt nimmer der Künstler, sondern die Skulptur

Seinem eigenen GEWICHT scheint der Stahl davonzutänzeln. Schad (augenzwinkernd): "Ich wieg selber genug, darum träume ich von der Leichtigkeit." Und die ist Schwerstarbeit. Da wird geschnitten, geschweißt und geschwitzt, werden die verschieden langen Metallteile beschwingt addiert, und ab einem gewissen Punkt führt die SKULPTUR. ("Ich mach nur Modelle bei den ganz großen Arbeiten, weil wenn man sich da irrt, wird’s teuer.") Trotzdem bleibt die Hand des Künstlers bis zuletzt das Maß. Die Stahlstangen sind nämlich gerade so dick (45 Millimeter), dass er noch herumgreifen kann.

Leichtfüßiger Spitzentänzer: "Symistronan" von Robert Schad. - © artmark galerie, 2020
Leichtfüßiger Spitzentänzer: "Symistronan" von Robert Schad. - © artmark galerie, 2020

Und die mysteriösen Namen, die er seinen fulminanten stählernen Tänzern gibt? ("Fluvers", "Wassav", "Besotér", "Syrm", "Falur" . . .) Nordische Götter? Exotische Tanzstile? Nein. Welche Sprache IST das überhaupt? Keine. Wie sonst seine Stahlstückln hat der Robert Schad hier schlichtweg LAUTE kongenial intuitiv aneinandergereiht.

Die flachen Werke an den Wänden (Lack auf Blech) haben dagegen alle denselben ziemlich plakativen Titel (und die Sprache ist eindeutig Deutsch): "Zeichnung." Wie Schatten der durch den Raum flackernden Linien. Warum sind sie namenlos? "Weil sie keine Objekte sind." Diese Antwort hat jetzt wirklich bloß ein Bildhauer geben können. (Und wer von seinen rhythmischen Stahlzeichnungen in 3D nicht genug kriegen kann, der kann ja einen Abstecher nach Kärnten machen, ins Museum Liaunig, wo noch bis zum 31. Oktober die Ausstellung mit dem drehwurmstichigen Titel "Caroussel" läuft.)