Die Aufnahme zeigt den leeren Raum einer Wohnung. Einzig ein Sessel ist noch da, in der Ecke lehnt ein Backpack-Rucksack, alles ist bereit zum Aufbruch, eine Frau putzt. Es ist ein Bild, das ein Ende im Leben von Alain Schroeder markiert. Oder besser gesagt einen Neubeginn. Es ist aber auch das letzte Bild in einer von Schroeders Fotoserien. Auf dem ersten sieht man einen voll eingerichteten Wohnraum, irgendwo in Belgien. Die Stadien dazwischen dokumentieren die materielle Reduktion, zu der sich der Fotojournalist entschlossen hat: kein fester Wohnsitz mehr, alles verkaufen, ein Leben auf Reisen.

Das war 2013. Auch das Familiensilber wechselte an einem der zahlreichen Flohmarktaktionen dieser Zeit seinen Besitzer. Seither ziehen der Fotograf und seine Frau von Land zu Land, von einer Fotoreportage zur nächsten, zuletzt überwiegend im asiatischen Raum. Unter den Abnehmern der Bilder sind prominente Namen wie das "National Geographic". Die Liste der Geschichten, denen Schroeder noch mit der Kamera auf den Grund gehen will, die ist lang.

Sechs Monate lang arbeitete Alain Schroeder für seine mehrfach preisgekrönte Fotoserie "Saving Orang-Utans" im indonesischen Regenwald. - © Alain Schroeder
Sechs Monate lang arbeitete Alain Schroeder für seine mehrfach preisgekrönte Fotoserie "Saving Orang-Utans" im indonesischen Regenwald. - © Alain Schroeder

Die Serie "Saving Orang-Utans" sowie ein Foto daraus haben 2020 in der Kategorie "Nature" erste Preise als "World Press Photo" erzielt. Schroeders Aufnahmen sowie die der weiteren Gewinner sind ab Freitag in der Galerie WestLicht zu sehen.

Leben mit dem Reise-Virus

Wie kann man nur ohne Zuhause leben? Diese Frage hört Alain Schroeder immer wieder. "Mich hat das Reise-Virus infiziert, als ich 18 war", erzählt der Fotograf bei seinem Wienbesuch anlässlich der Ausstellungseröffnung. Eine der ersten Reisen, die er dabei in den 1970er Jahren mit 19 und ohne Rieseführer nach Afghanistan unternahm, sollte eine der prägendsten bleiben: "Das war ein wirkliches Abenteuer!" Doch zwischen den ersten Impulsen der Jugend und dem Entschluss zum bedingungslosen Nomadentum liegt fast ein ganzes Berufsleben: Der 1955 geborene Schroeder gründete 1989 mit zwei Freunden eine höchst erfolgreiche Fotoagentur in Belgien, die er als Direktor leitete. Er machte sich erst als Sport-, später als Magazinfotograf international einen Namen. Gut 300 Magazin-Cover sind dabei entstanden, 30 Fotobücher gedruckt worden.

Den Sprung ins digitalen Zeitalters, den Schroeder dabei begleitet hat, schätzt er uneingeschränkt. Freilich: Er mache sehr viel mehr Fotos als früher. Viele davon wären jedoch ohne heutige Technik nicht machbar. Wie er aussortiert? "Das ist ganz einfach: 90 Prozent sind schlecht."

Recherchieren, Testen, Probieren: Alain Schroeders Annäherungen an eine gelungene Aufnahme in drei Schritten. - © Alain Schroeder
Recherchieren, Testen, Probieren: Alain Schroeders Annäherungen an eine gelungene Aufnahme in drei Schritten. - © Alain Schroeder

Die Flut der Bilder, die Handykameras in unser Leben gebracht haben, habe die Qualität der Fotografie insgesamt gesteigert, ist Schroeder überzeugt: "Es haben viel mehr begabte Menschen in aller Welt Zugang zu Technik. Wir sind nicht mehr auf den Blick von außen angewiesen im Fotojournalismus wie vor 30 Jahren."

Die Bilder digital zu verändern, ist dennoch tabu, verletzt das Ethos der Fotojournalisten: "Erlaubt ist in der digitalen Welt nur, was auch analog schon möglich gewesen wäre." Dass Pressefotografie dennoch mehr ist als ein vermeintlich neutrales Abbilden der Wirklichkeit, gehört zu Schroeders Grundverständnis: "Jedes Bild wird aus einer Perspektive aufgenommen, das kann nie neutral sein." Das ist auch gut so, bekennt der Journalist: "Ich will bei einem Foto auch den Fotografen im Bild sehen, seine Handschrift, seinen Blickwinkel."

Mit viel Geduld zur Emotion

Was Schroeder in seinen Bildern sucht, ist Emotion, auf die Themen stößt er dabei meist zufällig und natürlich auf Reisen. Wie lange er dann braucht, um eine Serie fertig zu haben, ist ganz unterschiedlich. Bei "Brick Prison", einer Dokumentation in einem Ziegelwerk in Bangladesh, etwa waren es drei Stunden: "Dann haben sie mich vom Gelände geworfen." Für "Saving Orang-Utans" hat er eineinhalb Jahre gebraucht, sechs Monate davon war er vor Ort.

Den Direktor der Tierklinik, die er dafür fotografiert hat, konnte er erst nach sehr viel Teetrinken davon überzeugen, ihn und seine Kamera einzulassen. Bereits ein Jahr vor Corona mit Mundnasenschutz und nach medizinischen Tests - um die vom Aussterben bedrohten Tier zu schützen. Entdeckt hatte er die Station im Urwald beim Trekking. Auf Rettungsaktionen einer NGO in Plantagen ist er dabei gestoßen und dadurch auf die Tierklinik, die verletzte Orang-Utans behandelt und wieder auswildert. Ihre Geschichte zu erzählen, hat ihn daraufhin nicht mehr losgelassen.

Ein Jahr lang hat Alain Schroeder (links) vergeblich versucht, eine Fotogenehmigung für die Orang-Utan-Tierklinik zu bekommen. Beharrliches Teetrinken mit dem Direktor öffnete ihm und seiner Kamera die Tür schließlich. - © Alain Schroeder
Ein Jahr lang hat Alain Schroeder (links) vergeblich versucht, eine Fotogenehmigung für die Orang-Utan-Tierklinik zu bekommen. Beharrliches Teetrinken mit dem Direktor öffnete ihm und seiner Kamera die Tür schließlich. - © Alain Schroeder

Es sind immer die Neugier und das Verstehen-Wollen, die Alain Schroeder von einer Geschichte zur nächsten treiben. Wer die Route dabei festlegt? "Ganz klar: der Instinkt."

Alain Schroeders nächste Station ist Kirgistan. Dort war der Fotograf die vergangenen sechs Monate während des Corona-Lockdown festgesessen. Was ihn dorthin zurückzieht? Eine bereits begonnene Geschichte fertig erzählen. Es wird nicht die letzte gewesen sein.