Michaela Stock hat umdekoriert. Der eine Raum ihrer Galerie in der Schleifmühlgasse ist jetzt ein voll funktionsfähiges . . . Wohnzimmer. (Okay, der Fernseher fehlt, aber im "Salon Real" sollen die Leute ohnehin miteinander reden. Fernschauen können sie daheim.) Und der andere? Ist neuerdings ein Schlafzimmer? Eher ein Warteraum. Mit Bankerl. Oder eigentlich hat er mehr was von einem Vorzimmer. Schließlich gelangt man von dort in eine komplette zweite Galerie, die mit ihren 200 Quadratmetern fast dreimal so groß ist wie die erste.

Die Galeristin hat nämlich kurzerhand eine Wand durchgebrochen. Allerdings hat sie nicht mit dem altmodischen Vorschlaghammer draufgedroschen und dabei einiges an Bauschutt und Lärm erzeugt. Nein, viel eleganter und staubfreier: Sie hat einfach einen Monitor aufgehängt. Den realen in den virtuellen Raum geöffnet. Beziehungsweise sind’s sogar ZWEI virtuelle Räume. (Stock: "Ein White Cube. Was Cleanes, Schlichtes, Puristisches. Alles, was du hier NICHT hast.") Mit einer vollgültigen Ausstellung. Da soll man demnächst statt der derzeitigen Guided Tour mit einem Joystick selber drin herumnavigieren können (am eigenen Handy, Tablet oder Computer KANN man das bereits und das rund um die Uhr: www.kunstmatrix.com/en/galerie-michaela-stock). Ideen für eine interaktive Zukunft hätte die Michaela Stock genug. Etwa die, "dass der Besucher die Bilder umhängen kann – oder abhängen, weil ihm das Bild nicht g’fallt".

Im Sitzen herumspazieren: im "Salon Virtual". 
- © Courtesy: Galerie Michaela Stock, Foto: Matthias Bildstein

Im Sitzen herumspazieren: im "Salon Virtual".

- © Courtesy: Galerie Michaela Stock, Foto: Matthias Bildstein

Sie ist mit dem Bleistift verheiratet

Im "Salon Virtual" läuft übrigens gerade die Schau "Zwischenräume" mit Zeichnungen (Blei- und Buntstift auf Papier) von Denise Schellmann, die ihrerseits eine Pendlerin zwischen den Welten ist, zwischen der der Wissenschaft und der der Kunst. Nach ihrem Pharmaziestudium und einer Umschulung zur Künstlerin und nachdem sie quasi ein Leben zwischen Apotheke und der Angewandten geführt hat, ist sie zwar mittlerweile endgültig in der Kunst angekommen, profitiert aber natürlich weiterhin von ihrem Zweitwissen. Organische Strukturen, abstrakte Mehrzeller, kosmische Linien-Ballungen mit Anziehungskraft ("Blackholes"), und die Chemie zwischen den hochpigmentierten Farben stimmt sowieso. Intensive Farbkonzentrate auf neutral weißem oder weltallschwarzem Grund. Voller Gegensätze. Statik und Dynamik, Strenge und Freiheit. Geordnetes Chaos. Der Stift, den sie ganz am Ende hält und an den sie die Kontrolle abgibt, bis "sich das Zeichnen wie ein Tanzen anfühlt", der wird förmlich zu ihrem Forschungsobjekt. Und Partner. (Schellmann: "Ich bin mit dem Bleistift verheiratet.")

Moment. Die virtuelle Galerie mit ihren klinisch weißen, aseptischen Wänden, die perfekt zur pharmazeutischen Vergangenheit der Künstlerin passen, hat jede Menge Fenster (ohne Aussicht), doch keine Tür. Wie haben die die Bilder, die ja real existieren, da bloß reingebracht? Na ja, sie upgeloadet. Und warum sollte man, wenn man den "Salon Virtual" ohnedies bequem von überall aus am Handy besichtigen kann (noch dazu ohne Maskenpflicht), überhaupt noch in die "echte" Galerie kommen? Zum Beispiel, weil man sich ein limitiertes, signiertes und vor allem leibhaftiges Kunstplakat abholen will. Oder weil man kein so gemütliches Wohnzimmer zu Hause hat. Denn den "Salon Real" gibt‘s ja ebenfalls noch. Eine Mischung aus Art déco, Willhaben und großer Liebe zum kleinen Detail.

Und wer hat die Picassos gemacht?

Sitzgruppe, Chaiselongue, ein Kamin, Pflanzen, ein Obststillleben (nein, Tschuldigung, das ist keine Kunst, die Äpfel und Birnen kann man essen – Stock: "Die hab ich sogar gewaschen. Und da hinten gibt’s auch Schokolade und einen Haselnusslikör.") und jede Menge Staubfänger. Teppiche, unter anderem. Die Gastgeberin hat sich extra einen Staubsauger gekauft. "Ich hab zur Jelena (Anm.: ihre Mitarbeiterin) gesagt: Jetzt hamma an Staubsauger und einmal in der Woche müss ma putzen." Dekorativ verteilt: Kunstwerke aus dem Galerieprogramm und abseits davon. "Und hier zwei unsignierte Picassos." – Aha, und wer hat die gemacht? – "Na, der Picasso." Ach so, das IST gar kein Scherz gewesen. Eh nicht, das sind zwei Lithografien.

Denise Schellmann warnt vor Schmetterlingen:"#bewareofbutterflies." 
- © Denise Schellmann/Galerie Michaela Stock

Denise Schellmann warnt vor Schmetterlingen:"#bewareofbutterflies."

- © Denise Schellmann/Galerie Michaela Stock

Und mittendrin: zwei Arbeiten von Denise Schellmann. Ein feines Gewebe, delikat gewachsen ("Was mich im Innersten zusammenhält . . ."), und ein Insektenschaukasten mit aufgespießten schmetterlingsbunten Papierwesen, die das Social Distancing der wissenschaftlichen Ordnung betreiben (Schellmann: "Meine eigenen Persönlichkeitsanteile, die sich in der Coronazeit transformiert haben, weil ich mich mit mir selber auseinandergesetzt habe."). Schmetterlinge, die ungeschlagenen Meister der Metamorphose (wenn ICH mich anpampfe wie eine Raupe, kann ich nachher jedenfalls NICHT fliegen), als Metaphern der persönlichen Entwicklung.

Ein Teilchenphysiker wärmt sich am Elektro-Feuer

Und wenn das alles noch immer kein Anreiz ist, dann sind es vielleicht die Kamingespräche, wo die, die sich unterhalten, physisch tatsächlich anwesend sind und keine Personen ohne Unterleib miteinander skypen, die oft nur oben gesellschaftsfähig sind. Gleich das erste dürfte überaus spannend werden, immerhin wird mit Denise Schellmann der Teilchenphysiker Helmut Eberl am heimeligen Elektrofeuer diskutieren. Und er wird bestimmt eine Hose anhaben. (Donnerstag, 17. September, 19 Uhr. Moderation: Robert Czepel von Ö1. Achtung: maximal 20 Personen! Drum bitte anmelden unter info@galerie-stock.net.)

Das Galerie-in-der-Galerie-Konzept eines "Salon Real" und "Salon Virtual", simpel und komplex zugleich, wo zwischen dem Realen und Virtuellen ständig hin- und hergeswitcht wird, die Grenzen zwischen den Realitäten dauernd verschwimmen, ist eine ziemlich gute Antwort auf die pandemische Digitalisierung und das Coronavirus. Nicht, dass einer klassischen Ausstellung lediglich die Alkoholiker nachtrauern würden, weil sie um ihre Gratis-Weinverkostung bei der Eröffnung fürchten müssen. (Michaela Stock: "Zur Vernissage kommen die Leute, schauen durch, nehmen sich ein Glasl Wein, und am nächsten Tag erinnern sie sich nicht mehr, was sie gesehen haben.") Außerdem gibt’s Haselnusslikör, schon vergessen?