Das gerade einmal ein Jahr alte Elefantenbaby im Tiergarten Schönbrunn hat seinen Namen bekanntlich von einem fließenden Gewässer im Kongo (Kibali), der Maler, der zurzeit in der Galerie Hilger ausstellt und diesen Sommer 80 geworden ist, hat sich dagegen nach einem stehenden Gewässer im Salzkammergut benannt, und diese beiden Dinge haben natürlich nicht das Geringste miteinander zu tun, obwohl auf dem titelgebenden Opus der Attersee-Schau ein Elefant drauf ist. ("Haus im Dschungel" aus dem Zyklus "Die Äpfelfärbergeschichten". Laut dem Meister selbst: "Eine Art fantastische Lebenserinnerungs-Beschreibung.")

Christian Ludwig Attersee war und ist vieles. Dreifacher österreichischer Staatsmeister im Segeln, Bühnenbildner, Schriftsteller, Erfinder von "Speiseblau" und "Attersteck", doch vor allem ist er Geschichtenerzähler mit unbändiger Fabulierlust, der seine Einfälle (mit unruhigem Pinsel, den er in eine optimistische Palette tunkt) zu einem bewegten Leben verdichtet, wo alles im Wandel ist, mutiert, sprießt. Es werden Vögel beschriftet, Äpfel angemalt, Hirschgeweihe wachsen aus Blumentöpfen, mit Pfeil und Bogen wird Jagd auf Farben gemacht, Bäume fahren Ski, "Josephine Baker serviert ein Ei" und der mit dem Ohr, der das Chromgelb legendär zum Erblühen gebracht hat, pinselt Sonnenblumen wie Sterne in den Himmel ("Wo ich van Gogh vermute").

Fantasie ist keine Realitätsverweigerung

Das Meer (oder den Attersee im Salzkammergut?) teilt man ambesten mit Christian Ludwig Attersees "Wassersäge". 
- © Galerie Ernst Hilger

Das Meer (oder den Attersee im Salzkammergut?) teilt man ambesten mit Christian Ludwig Attersees "Wassersäge".

- © Galerie Ernst Hilger

Da WAR aber einer fleißig in der Pandemie. Kaum zu glauben, dass diese ganzen Mischtechniken auf Karton und die wenigen Leinwände im Wesentlichen die Ausbeute bloß des letzten halben Jahres sein sollen. Naturverbundene Nackerpatzln, allerlei Getier und Früchte in einer kitschig bunten Welt der Wortspiele und Assoziationen. Ei plus Hammer ergibt? Eine "Hammergeburt"! Statt der üblichen Zange wird eben offenbar ein anderes Instrument aus dem Werkzeugkasten zum Geburtshelfer. Bei einem Ei. Respektive schlüpfen aus Letzterem lauter kleine Hämmerchen. (Das ist immerhin das "Land der Hämmer" und die Dinger müssen ja irgendwo herkommen, oder?) Und wozu ist eine "Wassersäge" gut? Sie teilt das Meer. (Oder den Attersee im Salzkammergut.) Hat die "Waldflucht" (anscheinend hauen hier die Bäume in Panik ab) womöglich was mit dem Klimawandel zu tun? Niemand behauptet schließlich, diese lebenslustige Kunst wäre total weltfremd (oder nicht zwischendurch auch melancholisch oder brutal). Fantasie zu haben ist zumindest nicht gleichbedeutend mit Realitätsverweigerung.

In eine Schublade lässt sich der Attersee sowieso nicht stecken. Höchstens in eine mit der Aufschrift "Attersee". Sein Stil: definitiv eine Chimäre (oder wie man heutzutage sagt: ein Hybrid). Ein poppig surrealer Expressionismus? Fantastischer Express-Pop? Eine Sphinx aus Pop-Art, Kitsch, Erotik und schmissiger Geste? Auf jeden Fall unverkennbar. Und die Bildtitel sind eine Poesie für sich. ("Abschied des Lächelns", "Am Weg zum heiligen Hasen", "Knabenzärte", "Cocktailkirchen" . . . – und da fehlt kein s.)