Sie verbiegt Licht wie Uri Geller Löffel. Sie? Die Gravitation? I wo. Die kann das Licht bestenfalls krümmen, aber sicher keine Schnörkel hineinmachen, geschweigen denn Buchstaben. (Nicht, dass der Uri Geller das alles mit seinen LÖFFELN täte.) Nein, die Brigitte Kowanz. (Okay, eigentlich sind das Neonröhren und keine dicken Lichtstrahlen.)
Dazu noch ein paar Spiegel, und schon wird der Blick mit Warp 1 in die unendlichen Weiten des virtuellen Raums gesaugt. Die Virtual Reality geht nämlich auch analog. Ganz ohne Computer. (Warp 1? Einfache Lichtgeschwindigkeit! Photonen verfügen ja offenbar über einen Warp-Antrieb wie das Raumschiff Enterprise, kommen über Warp 1 freilich nicht hinaus. Außer vielleicht, wenn sich das Lamperl, das sie aussendet, an Bord von besagtem Raumschiff befindet.)
Soweit also alles beim Alten im hellen Universum der Lichtkünstlerin, im nicht gerade lichtscheuen Werk der Professorin für "Transmediale Kunst" an der Angewandten in Wien. Der Titel der stimmungsvollen Ausstellung in der Galerie Krinzinger verheißt allerdings was Neues: "von neuem anders, anders als es vorher war." Na ja, wir stecken eben grad mitten in der digitalen Revolution, die unser Leben und die Kommunikation grundlegend verändert.

Und was, bitte, haben abstrakte, vermeintlich weltfremde Leuchtobjekte damit zu tun, wo sich das künstliche Licht scheinbar willkürlich windet und dekorativ vor Spiegelglas und weißer Wand räkelt? Da sind codierte Botschaften drin verborgen. Kalenderdaten von nachhaltigen Ereignissen. Das Geburtsdatum des Internets beispielsweise (06. 08. 1991), jenes von YouTube (14. 02. 2005), doch genauso der 7. Jänner 2015, an dem Islamisten in der Redaktion des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" ein blutiges Massaker angerichtet haben, was global eine analoge (auf der Straße) wie digitale (in den sozialen Netzwerken) Welle der Solidarität mit den Opfern ausgelöst hat. Bezeichnenderweise sieht man sich in der Arbeit "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) selber im Spiegel.

Um ans Ur-E-Mail zu erinnern, das am 03. 08. 1984 erst nach fast einem Tag angekommen ist (hätte man es dann nicht GLEICH mit der Post verschicken können? – ach so, von Cambridge, Massachusetts, nach Karlsruhe, das hätte per Brief wohl NOCH länger gedauert), da schlängelt sich dagegen lediglich ein neongelbes Kabel an der Wand herum. Zusätzlich blinkt und piepst ein iPad. Morsezeichen natürlich. Wieso "natürlich"? Weil die Neonröhren (und das Neonkabel) so etwas wie einen Schatten haben (schaut ein bissl aus wie die Gleise von einer Modelleisenbahn, nur mit viel, viel weniger Schwellen), und der morst ebenfalls, wobei der Abstand der Schwellen dem Morsetakt entspricht. He, fehlt hier nicht eine? (Eine Schwelle.) Der Vierer – kurz-kurz-kurz-kurz-lang – in der Jahreszahl 1984 IST jedenfalls überhaupt kein Vierer. Sondern ein V: kurz-kurz-kurz-lang! Wurscht. Nein, nicht Wurscht. Buchstabe!

Was will uns Brigitte Kowanz damit sagen? "Forward" (dididahdit dahdahdah didahdit didahdah didah didahdit dahdidit). - © Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger, Brigitte Kowanz
Was will uns Brigitte Kowanz damit sagen? "Forward" (dididahdit dahdahdah didahdit didahdah didah didahdit dahdidit). - © Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger, Brigitte Kowanz

Der Lichtschalter kann Binär: ein – aus

Morsecode? Klingt mühsam. IST es theoretisch auch. Weil wer hat den schon parat. Praktischerweise "übersetzt" einem die Preisliste aber eh alles. Sonst würde man bloß dahdididit didah didididit dahdit didididit dahdahdah dididahdit verstehen: Bahnhof ("di" für Punkt, beziehungsweise am Zeichenende "dit", "dah" für Strich). Brigitte Kowanz hat unübersehbar ein Faible für diesen Code, der binär ist wie die Maschinensprache aus Nullern und Einsern, die die Computer "sprechen". (Der Lichtschalter spricht übrigens gleichfalls binär: ein – aus.) Schwebende Ringe lässt sie von null bis neun zählen, und zackige Lichtspuren, die von nachtschwarzem Lack optisch in kürzere und längere Abschnitte zerteilt werden, haben dynamische, aufregende Botschaften für die Besucher ("Forward", "Exciting" . . .). Und nix ist wireless, überall hängen Kabel raus.
Gut, nicht überall. Aus den Gemälden auf retroreflektierendem Stoff NICHT. Die brauchen keinen Strom, Licht dafür durchaus. Diskrete geometrisch-abstrakte Kompositionen aus Kreisen und Balken, die erst aus dem richtigen Blickwinkel "lesbar" werden, sich im verwirrend changierenden Grau als die einzelnen Buchstaben des Morsealphabets zu erkennen geben. (Sind zwei Kreise auf einem kreisrunden Bild nun ein i – kurz-kurz – oder ein s – kurz-kurz-kurz?) Visuelle Effekte und Reize. Halt immer noch Kunst mit ästhetischem Anspruch, nicht nur was fürs Sprachzentrum im Hirn. Und ein wenig Sinnlichkeit im Hier und Jetzt macht sowieso vieles bekömmlicher.

Ein Buchstabe pro Wort muss reichen

Und was ist "tbhidkidciowimoafaikirlbifomghthasapomwfyi" für ein Code? Lateinische Buchstaben sind schließlich nicht unbedingt verständlicher. Hm. Ein urlanges Anagramm eventuell? Falsch. Lauter Abkürzungen aus dem Netzjargon (von "to be honest" bis "for your info"), deren Sinn ohnedies allein die Eingeweihten erfassen können, nämlich die Bewohner jener hektischen Welt, in der man keine Zeit hat für komplette Wörter und oft nicht einmal mehr mit der ganzen Hand schreibt, sondern mit zwei Daumen auskommt. Andererseits: Dieser Text wurde mit zwei Zeigefingern getippt und ich hab trotzdem nicht gewusst, was zum Beispiel "idk" bedeutet. Zum Glück gibt’s Google. Außerdem mag ich Rätsel. Und Kunst, die den Verstand herausfordert, ohne dass die Augen daneben verhungern müssen. (Aha, "I don’t know".)