Die 1950 in Crossen (Sachsen) geborene Christine Schlegel studierte 1973 bis 1978 an der Kunstakademie Dresden. Sechs ihrer Gemälde sollten ursprünglich bis Mai mit dem bekannten Altar von Hieronymus Bosch in der bis nächstes Jahr noch im Theatermuseum beheimateten Gemäldegalerie der Akademie die Ausstellungsserie der "Korrespondenzen" weiterführen. Die Schau wurde nach der Schließung bis 27. September verlängert und ist nach dem Abgang von Direktorin Julia Nauhaus die achte und letzte dieses Formats. In der Schausammlung daneben kam es bereits zu einer Neu-Präsentation der wichtigsten italienischen Gemälde, die Martina Fleischer vorgenommen hat.

Schlegel konnte nach ihrem Studium mit dem von den Kommunisten staatlich verordneten "sozialistischen Realismus" nichts anfangen, sie flüchtete sich daher in aufwändig gestaltete Buchobjekte und Künstlerzeitschriften, aber auch in die damals in West und Ost zeitgeistigen neuen Medien wie Experimentalfilm und in die körperbetonte Performance. Mit 18 Jahren bekam sie ein Buch über Hieronymus Bosch als Geschenk und sah in seiner Phantastik einen inhaltlichen Ausweg in Richtung versteckter surrealer Rätsel im Gewand der Gegenwartskunst. Noch 1986 verließ sie die DDR mit Hilfe einer fingierten Heirat in Richtung Westberlin. Nach ausgedehnten Reisen in die USA, Mexiko, Südamerika und in Europa von Schottland bis Italien, begann ihre Karriere als Malerin, Grafikerin und Objektkünstlerin, wobei auch Keramik und alte Drucktechniken eine Rolle spielen. Im Jahr 2000 kehrte Schlegel nach Dresden zurück.

Christine Schlegel: "Der Falkner", 2019. - © Christine Schlegel/Erich Hussmann
Christine Schlegel: "Der Falkner", 2019. - © Christine Schlegel/Erich Hussmann

Postmoderne Verweise

In Boschs Altar-Triptychon des "Jüngsten Gerichts" der Gemäldegalerie der Wiener Akademie interessieren Schlegel besonders die wie ein Insektengeschwader herabstürzenden Engel, die im Paradieses-Flügel links die Wende zu zahlreichen Höllenqualen einleiten, daher betitelte sie ihre Ausstellung der im Jahr 2019 entstandenen sechs Gemälden auch "Reservate abtrünniger Engel". Statt Wimmelbild - eine niederländischen Spezialität in der Renaissance - isoliert die Malerin vor blutroten, sich auch zu Landschaften ausbreitenden Teppichwänden einzelne Gestalten und Gegenstände. Diese gehen untereinander seltsame Korrespondenzen ein, verweisen aber auch ganz postmodern auf die Motive Boschs und anderer bekannter Künstler. Mit einem weißen Hermelin oder Falken bringt sie zu Leonardo da Vincis Krakauer "Dame mit dem Hermelin" wohl ganz bewusst das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. in unser Gedächtnis.

"Der Falkner" im Königsmantel wirkt androgyn, als ob sich zum Engel geheimnisvoll ein Selbstbildnis eingeschlichen hätte. Auch die Raucherin mit einem Männerhut in "Das verlorene Paradies" trägt ähnliche Züge, nur der in einem Palmwedel hängende weibliche Akt vor Blättern wirkt dazu wie eine Anspielung auf die Geburt der Aphrodite aus einer Muschel. Blau und Rot kontrastieren ausgeklügelt, ein kopfloses Möbelobjekt ist von einem grünen Mantel und einem Kabel bestimmt, das sich optisch zum Rattenschwanz oder zur Schlange auswächst. Die mit Hilfe eines Stabes fliegende Figur in schwarzblauem Mantel bringt das weiße Raubtier vor einer rot gemusterten Teppichwand unter schneebedeckten Bergen ins Spiel. Das gepunktete Halstuch lässt das Wesen geschlechtsneutral für eine "Unschuldige Reinheit mit tödlichem Nackenbiss" zurück. "Begierde" und "Abhörzentrale" verweisen direkt auf Boschs Mischwesen, im Fall von "Das Kind spielt" mit monströsem Vogel kommen Motive aus seinen Gemälden im Kunsthistorischen Museum und im Prado mit in Schlegels Focus.

Die Künstlerin Christine Schlegel. - © Ken Wagner
Die Künstlerin Christine Schlegel. - © Ken Wagner

Die Ambivalenz zwischen bewachtem oder beschützten Dasein ihrer Figuren ist schon in den teils expressiven Collagebildern aus Schlegels Frühzeit zu merken, als die Familie in Umgebung der Dresdner Russengarnison wohnte. Schon ihr künstlerisch tätiger Vater war in Opposition, die Staatssicherheit überwachte beide, eine Bekanntschaft mit Ralf Winkler (A. R. Penck) ist in den frühen im Katalog abgebildeten Kompositionen sichtbar, auch ihre tragischen Clowns waren von der Akademiedoktrin weit entfernt.