Zu Lebzeiten wollte Andy Warhol (1928-1987) bestimmte Teile seines Werks nicht zeigen, sein Kanon mit immer gleichen Serien von Siebdruck-Bildern und Brillo-Boxen oder Colaflaschen wird seit den 1990er Jahren zwar durchbrochen. Dennoch wurde sein Frühwerk noch nie so genau beleuchtet wie jetzt auf der Eingangsebene des Mumok durch Kuratorin Marianne Dobner, der es nach kleiner Verzögerung tatsächlich gelungen ist, sämtliche Werke aus der Andy Warhol Foundation in Pittsburgh nach Wien zu bringen.

Nicht nur das Vertrauen in ihre Forschung ist sensationell, man überließ dem Mumok sogar die Aufstellung ohne Kuriere. Dobners kuratorischer Ansatz ist überaus präzise, sie zieht einen roten Faden über drei Ebenen des Museums, indem sie den Künstler als bis heute wirksamen Ausstellungsmacher präsentiert.

Mit seinen Auftritten wurde Warhol zwar bekannt, aber viele seiner Konzeptionen für Galerien und Museen waren in den 1960er Jahren ein Flop, entweder weil das Publikum sie so gar nicht wollte oder berühmte Galeristen wie Leo Castelli nicht davon profitierten. Damals wollte niemand ein Stück abgerissene, unsignierte Kuhtapete erwerben, oder einen silbernen Kunststoffpolster, dem das Helium schnell entwich.

Die vor 1962 entstandenen Arbeiten auf Papier zeigen den Künstler als Zeichner, der Serien für Künstlerbücher erstellte. Bekannt sind bisher nur die Schuhe, kaum bekannt ist indes, dass am Beginn seiner Laufbahn Einzelporträts von Männern stehen, oft als küssende Paare, oder Textparaphrasen von Truman Capote.

Ein Fuß, auch ein drapierter Penis, goldene Köpfe oder Bäume - viele Sujets mit homoerotischer Symbolik wie die Serie der Drag-Zeichnungen, zeigen die "Doppelpersona" Warhol, die im streng konservativen Amerika lieber nicht an die Öffentlichkeit ging. Dieses Frühwerk beschränkt sich also keinesfalls auf gut verkäufliches Design.

Erste räumliche Arbeiten mit gefaltetem Papier nach Bauhaus-Vorbildern (Josef Albers lehrte ja in Amerika) werden zwischen Gläsern präsentiert, daneben sind Tisch- und Wandvitrinen mit viel Glas montiert wie in einem Archiv; Architekt Gilios Spianakopoulos präsentiert die Werke in einer gewagten Leere ohne Zwischenwände, dazu kommt als Gegensatz auf Ebene zwei dann der typische Warhol-Mix: Bilder begegnen Filmen, die Medien wechseln sich ab, allerdings wurden auch hier besondere Zyklen ausgewählt wie die schwarzweißen Shadow-Paintings von 1980 oder die "Sex-Parts" von 1978. Die Film-Auswahl (über 6000 seiner Filme sind immer noch nicht zusammengefasst publiziert) bringt "The Chelsea Girls", die natürlich wie im frühen "Ladies’ Alphabet" nicht alle Mädchen sind, dazu "Screen Test", "Kiss" oder "Sleep" mit von heutiger Radiomusik. Warhol entwarf auch filmische Bühnenbilder für die Auftritte der Band Velvet Underground, die im Mumok wie eine Disco wirken. Auch Teile der 1983 in Zürich bei Bruno Bischofberger speziell für Kinder gestalteten Ausstellung findet sich in Wien wieder.

Doppelleben

Warhols Ideenreichtum wirkt bis heute, nicht selten denkt man an Künstlerinnen wie Yoko Ono, Renate Bertlmann oder Birgit Jürgenssen in Zeichnungen, Filmen oder genähten Fotos, aber auch der oft wiederholten Praxis einer Ausstellung mit Werkauswahl aus Museumsdepots: Statt des Kunstmuseums der Rhode Island School of Design, wo "Raid The Icebox 1 with Andy Warhol" 1969 zu Studentenprotesten gegen sein Konzept führte, werden nun verborgene Schätze des Weltmuseums und der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums im Sinne Warhols zu "Defrosting the Icebox" in einer Kollaboration versammelt: Mao-Kitsch trifft auf antike Satyrköpfe und Fußfragmente, Säulen auf Teppiche und Schuhe, die liebevolle Hommage erinnert an einen Star, der wohl in Zeiten des Denkmalsturzes viel zu sagen hätte und eine der wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts war - vorausschauend, ironisch, und seinem Doppelleben auch als Folk Art Sammler verfallen.