Im Vorfeld hörten und sahen Besucher schon seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown im März, der die Eröffnung der Beethovenschau verhinderte, die extra für das Kunsthistorische Museum konzipierte Hörinstallation von Ayşe Erkmen an die Fassadenarchitektur über dem Eingang: Dabei wird das Klavierstück "Für Elise" rückwärts gespielt und bildet ein eigenartiges Irritationserlebnis, abgesehen von der Verspannung der Lautsprecher. Die Musik Beethovens ist in einigen Fragmenten derart gespeichert im Gedächtnis der Menschheit, dass diese Tatsache einen Gedankenstrang der von vier Kuratoren konzipierten Schau "Beethoven bewegt" bildet, wobei seine wertvollen Autographe natürlich eine besondere Rolle spielen.

Geflüstert wurde, angesichts der Plakate für die Schau, die seit März in der Stadt zu sehen waren, dass Eike Schmidt dem Museum diese Schau mit keinem einzigen Werk aus der eigenen Sammlung beschert habe. Es stimmt aber nur, dass er eine Schau zum Beethovenjahr plante. Die für das Museum sehr ungewöhnliche Zeitreise zwischen Musik und bildender Kunst, zwischen Emotion und genauer Analyse, zwischen Zeitgenossen, die ähnlich empfanden und doch nichts voneinander wussten, zwischen Scheitern, tragischem Genie und Durchbruch zu Weltgeltung, stammt allein von den vier Kuratoren Andreas Kugler, Jasper Sharp, Stefan Weppelmann und Andreas Zimmermann. Mit Tom Postma Design aus Amsterdam haben sie vier Säle der italienischen Abteilung komplett verwandelt. Das Ergebnis ist mehr als nur ein chronologischer Gang durch das Leben des Komponisten.

Der Horror vor dem Neuen

Der erste Raum ist ein Oval, das neben den Klaviersonaten-Autographen auch zwei Sonaten als Hörerlebnis bietet. Jorinde Voigts analytische Zeichnungen versuchen, die Dynamik der Musik zu erfassen und Synästhesien begreiflich zu machen mit einer Art Vogelschwarmlinien. Aus den sich verjüngenden weißen Kuppelstreifen hängt Rebecca Horns rätselhafter Konzertflügel "Concert for Anarchy" von 1990. Als Gegenüber steht auf hohem Podest Auguste Rodins "Das eherne Zeitalter". Der Horror vor dem Neuen, in gewisser Weise Abstrakten, Unfassbaren, ist assoziativ mit Beethoven verbunden. So ziehen sich Ideenketten, die das Scheitern mit berücksichtigen, weiter zu Francisco de Goyas "Caprichos" im zweiten Raum, der wiederum das Dunkel in diesen Zeiten von Revolution und Aufklärung mit einbezieht, das Goya in diesem ersten Selbstauftrag eines Künstlers anprangerte und Beethovens Denken prägte, aber auch die Einsamkeit der Gehörlosen anspricht.

Das Hörrohr des Komponisten, Parkette des Fußbodens aus dem Sterbezimmer und das Heilgenstädter Testament an seine Brüder bilden den engsten Bezug zu einem durch Krankheit isolierten Menschen. Dazu kommt das Hörerlebnis der Fünften Symphonie ("Schicksalssymphonie") und ihre Rezeption bis in die Zeit des Nationalsozialismus.

Anselm Kiefer greift das auf in seiner übermalten Fotografie "Über uns der gestirnte Himmel, in uns das moralische Gesetz", das Immanuel Kants Philosophie kombiniert mit den 1969 vom Künstler an geschichtsträchtigen Orten vorgenommenen "Besetzungen". Während er mit zum Hitlergruß erhobenen Arm (hier im Tempel der Athena von Paestum) deutsche Geschichte radikal in Erinnerung bringt, scheint der zeltartig gemalte Sternenhimmel zu schützen. Das hinterlässt eine vielstimmige Deutung.

Der dritte Saal lässt aus diesem Dunkel des Gehörlosen wieder auftauchen in die romantischen Aufbrüche, sichtbar zwischen Zeitgenossen, die revolutionäre Skizzenbücher nutzten wie Beethoven und William Turner. Daneben Caspar David Friedrich, der den Aufbruch in der Natur mit Farbklängen in formal exakten Kompositionen entsprechend Beethovens Klanglandschaften kombinierte. Damals wurde das als schockierend abstrakt und leer empfunden, heute als stimmungsvoll.

Das Feuer des Prometheus

Wenn sieben Gemälde Friedrichs ergänzend in ein Museum kommen, dessen Sammlungszeit vor 1800 endet, ist allein das schon eine Sensation. Wieder sind zwei Symphonien als Hörerlebnisse mit dabei: Zur "Eroica" passt der den Menschen gegen den Willen der Götter Feuer bringende Prometheus und das Video mit dem Eisbrecher von Guido van der Werve.

Im letzten Saal findet in völliger Leere das extra von Tino Sehgal konzipierte performative Finale "This Joy" mit Sängerinnen und Tänzern statt, die berühmte Melodien Beethovens in ein Eigenleben von Tonfolgen und teils extremen Körperbewegungen (dabei ist das Stehen wichtig und die Zuordnung bestimmter Körperteile) übertragen.