Eigentlich mag Gerhard Richter die Natur nur, weil sie keinen Stil hat, und er verglich das bereits 1964/65 mit Wörterbüchern oder Fotos. Sein Spruch "Stil ist Gewalttat, und ich bin nicht gewalttätig" läutet damals die brandneuen Perspektiven der Postmoderne ein. Selbst im Alter von 88 Jahren und trotzdem er letzte Woche erklärte, das Malen einzustellen, ist das Thema Landschaft neben dem Stillleben für den heute bekanntesten deutschen Maler wesentlich: "Wenn die abstrakten Bilder meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht."

Die Landschaft war aber erst einmal, 1998, für das Sprengelmuseum in Hannover Thema einer Ausstellung über Richters Gemälde, nun versuchen es die Kuratoren Lisa Ortner-Kreil und Hubertus Butin im Kunstforum umfassender - sie beziehen alle Medien, die Richter nutzt (bis auf Glasfenster), in ihre fünf Kapitel mit ein. Der ehemalige Assistent Richters beruhigt, dass vom Meister weitere Werke zu erwarten sind, nur Leinwandgroßformate sind im Alter zu anstrengend.

Skepsis ist angesagt: "Ruhrtalbrücke" von Gerhard Richter, 1969. - Courtesy Hauser & Wirth Collection Services/Stefan Altenburger Photography Zürich © Gerhard Richter 2020
Skepsis ist angesagt: "Ruhrtalbrücke" von Gerhard Richter, 1969. - Courtesy Hauser & Wirth Collection Services/Stefan Altenburger Photography Zürich © Gerhard Richter 2020

Das Schöne und das "Verlogene" der Natur

Eine solche Ausstellung ist nur mit dem Atelier Richters in Köln und einem Kooperationspartner, dem Kunsthaus Zürich, möglich, denn allein die Versicherungswerte sind gigantisch, die meisten Werke in Privatbesitz, denn Museen können sich diese nicht mehr leisten. Auch wenn Richter Stile immer abgelehnt hat, werden seine Werke manchmal klassisch im Sinn von zeitlos genannt, denn seine Bilder spielen mit den alten akademischen Kategorien Schönheit und Erhabenheit, dazu werden bewusst Gegenständlichkeit und Gegenstandsloses kombiniert, was vor 1960 noch als unmöglicher Mix galt. Angezogen von der deutschen Romantik und Caspar David Friedrich, will uns Richter mit seinen Hommagen an dessen Gemälde neben der Schönheit das "Verlogene" vor Augen führen, mit dem wir diese Werke wie auch die Natur aktuell ansehen.

Gerhard Richter, Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. - Sammlung Peter und Elisabeth Bloch/Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020
Gerhard Richter, Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. - Sammlung Peter und Elisabeth Bloch/Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020

Wir sprechen ihm daher gerne einen hellseherischen Blick auf "Fake News" und digitale Bilderfluten zu. Manche Intention klingt politisch, aber auch dies würde Deutschlands teuerster Mal ablehnen, der 1961 aus der ehemaligen DDR nach Düsseldorf kam und ein Jahr später an der Akademie mit Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner den "kapitalistischen Realismus" ausrief.

Die Gegenbewegung zum "sozialistischen Realismus" im kommunistischen Osten verwendet die gemalte Landschaft nicht als Politpropaganda, im Westen entfernten sich die Künstler mit Pop und Junk in die sinnentleerten Niederungen des Alltags. Was ihnen wichtig blieb, war ein neuer, frischer Blick auf Form und Material, die eine Art von Metamalerei durch all die Reflexionen auf den Malprozess mit sich brachte. Richters inhaltliche Anregungen kamen dazu passend von banalen Fotografien aus Magazinen und anonymen Amateuraufnahmen, später fotografierte er selbst, vor allem auf Reisen. "Das Foto ist das perfekteste Bild, es ändert sich nicht, es ist absolut, also unabhängig, unbedingt, ohne Stil. Es ist mir deshalb in der Weise, wie es berichtet und was es berichtet, Vorbild."

Das war 1965 verpönt, denn davon abmalen galt als banal. Richter hat diese Vorbilder manipuliert für seine fiktionalen Landschaften, die auf drei Räume verteilt ein Hauptthema bilden neben den übermalten Fotografien, neben den abstrakten Landschaften, die sich zum einen von Städtebildern in Vogelperspektive, zum anderen von Experimenten mit der Unschärfe durch Einsatz von breitem Flachpinsel, und durch partiell Übermalungen mit einer Rakel aus Kunststoff entwickelten.

Es sind aber auch erklärend Teile aus dem "Atlas" Richters zu sehen, der jene Fotovorlagen und Druckgrafiken umfasst, von denen sich von Anfang an alle "Landschaften aus zweiter Hand" ableiten. Im Fall der "Seestücke" ist nachvollziehbar, wie Richter eine selbst fotografierte Wasserfläche mit einer zweiten, die er über dem Horizont um 180 Grad dreht, kombiniert. Das Wasser kann aber auch auf beiden Seiten der Spielkartenoptik aus Wolkendecken bestehen, die er vom Flugzeug aus fotografierte.

Misstrauen gegenüber vorgegebener Realität

Er möchte uns das gründliche Misstrauen gegenüber einem Bild, das Realität vorgibt, spüren lassen, Skepsis ist Trumpf im Fall der stimmungsvollen Erinnerungen an die Romantiker, neben Friedrich auch William Turner: Richter nennt Werke wie die "Ruhrtalbrücke" von 1969 und "Eis" von 1981 sogar seine "Kuckuckseier". Die Eisschollen verschmelzen in unserem Kopf Friedrichs "Gescheiterte Hoffnung" locker mit der Katastrophe schmelzender Polkappen. Im Katalog gibt es dazu weiterführende Texte, die vom "Virozän" nach Anthropozän und "Kapitalozän" sprechen.

Viele von Richters Nachtstücken, Wäldern, Schnee- oder Wolkenbildern von 1963 über die 1970er Jahre bis zur reizvollen Zeichnung von 2018 waren noch nie zu sehen. Sie machen das pathetische zum unbestimmten Erinnerungsbild, nicht nur "St. Gallen" ist verwischt, auch Alpen und Gestirne, und 1969 verpasste er der "Abstrakten Landschaft" vier Schnitte, wobei nur die Widmung an Lucio Fontana der zerstörenden Geste einen Sinn gibt.