Inzwischen ist die Welt zwar eh schon wieder genauso hektisch, laut und aufdringlich wie VOR Corona, doch zumindest während des Lockdowns waren viele ziemlich überrascht, mit wie wenig man in Wahrheit auskommt (okay, Klopapier ausgenommen, denn von dem haben einige Leute ja im Gegenzug einfach nicht genug kriegen können). Das haben Walter Angerer-Niketa und Ray Malone freilich bereits vorher gewusst (das mit der Genügsamkeit). In der zs art galerie zeigen die beiden nun jedenfalls ihre wohltuend zurückhaltenden, leisen Arbeiten her, wo echt nichts überflüssig ist: "Choreografie der Stille." (Horten manche die gehamsterten Klopapierrollen eigentlich daheim wie Dagobert Duck SEINEN Reichtum? In einem riesigen Speicher mit Sprungbrett?)

Über die Ausstellung, für die garantiert kein einziges Blatt Klopapier abgerissen wurde, wachen die schneidigen Labradore Isis und Osiris (benannt nach dem ägyptischen Götterpaar). Aber keine Angst, die tun nix (am wenigsten beißen), die sind total handzahm. (Nicht, dass es in Pandemiezeiten empfehlenswert ist, alles anzugreifen.) Die wollen nicht einmal mit einem "spielen" wie die zwei Dobermänner Zeus und Apollo mit dem Fernseh-Privatdetektiv Magnum. "Labrador" nämlich nicht wie der Hund, vielmehr wie der Stein. Walter Angerer-Niketa ist schließlich Bildhauer, dessen unwiderstehlich glatte, geometrisch abstrakte Skulpturen man trotzdem gern streichelt, obwohl sie Ecken und Kanten haben und bestimmt nicht freudig erregt mit dem Schwanz wedeln. (Mit welchem SCHWANZ? Eben.)

Der Pharao ist ein Salzburger

Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag am 23. März hätte die Schau übrigens URSPRÜNGLICH stattfinden sollen, doch dann eine Woche vor der geplanten Eröffnung: Lockdown, Pech. Drum gratuliert man halt erst jetzt. Mit einer feinen Auswahl aus seinem bisherigen Schaffen, das sich nicht nur einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Material verdankt, sondern einer ebenso gründlichen mit Philosophie und Spiritualität, mit Existenzialismus, Buddhismus, Hinduismus, Kant. He, der eine "Pharao" ist ein Salzburger! (Ein Salzburger MARMOR.) Und das Holz meditiert in seine Maserung hinein ("Meditation": ein introvertiertes, scharf geschnittenes Stück Eiche).

Stille, das bedeutet selbstverständlich nicht Grabesstille wie auf dem Friedhof, auch wenn der schnörkellose, stelenhafte "Pharao" in seinem eigenen Ruheraum im ersten Stock (in seiner Grabkammer?) auf den ersten flüchtigen Blick durchaus was von einem Grabstein hat und an dessen hermetische Ruhe-in-Frieden-Ästhetik erinnert (nicht zuletzt aufgrund des Granits) – bis man genauer hinschaut. Raffinierte Schlichtheit zeichnet das Werk des einstigen Pillhofer- und Wotruba-Schülers, der sein Diplom später (1980) allerdings bei Bruno Gironcoli gemacht hat, überhaupt generell aus. Diskrete Asymmetrien und Gleichgewichtsstörungen, sanfte Verzerrungen, überraschende Wendungen. Absolute Präzision in perfekter Glätte.

Balken aufWanderschaft: "Unbound" von Ray Malone. - © Stefan Seelig
Balken aufWanderschaft: "Unbound" von Ray Malone. - © Stefan Seelig

An dieser Stelle erlaube ich mir, mich selber zu zitieren, weil noch immer wahr ist, was ich 2009 von Angerer-Niketas zeit- und makellosen Skulpturen gehalten habe: "Das Nonplusultra der kalkulierten Sinnlichkeit. Wie ausgeklügelt konstruiert die spartanisch strengen Objekte sind, kann man freilich erst richtig ermessen, wenn man einmal versucht, ihr Volumen auszurechnen." Oder man studiert die Strukturanalysen und Konstruktionszeichnungen, die quasi wie Röntgenbilder die komplexe Anatomie einer vermeintlich simplen Geometrie enthüllen.

Steine mit einem Hauch von Menschlichkeit

Jegliche Dynamik ist meist ausgesprochen subtil. Ein weißer Marmorblock hebt eine Ecke vorsichtig vom Sockel hoch, als wolle er sich anschicken zu wippen ("Beginn einer Bewegung") – mehr braucht es nicht. Und die "Waage" aus einem Rosa Portugallo ist sowieso ein Meisterwerk des delikaten Ausbalancierens. Die Ägypter (Götter und Könige): Archaische Strenge und Erhabenheit mit einem Hauch Menschlichkeit. Und wenn sie nicht alleinstehend sind, sondern sich in einer Paarbeziehung befinden wie Isis und ihr Gatte Osiris, so vermählen sie sich auch formal zur trauten Zweisamkeit. Zwei geschwisterliche Dreiecke, das "geköpfte" kleinere das Echo des spitzen andern. Isis und Osiris, die beiden sind ja tatsächlich eng verwandt, Bruder und Schwester, stammen aus demselben Uterus beziehungsweise hier aus demselben Steinbruch. Und zwischen Neith, der Schrecklichen, und ihrem Sohn Sobek, dem Krokodilsgott und Herrscher über das Wasser, ist die Familienähnlichkeit ohnedies unverkennbar: zwei individualisierte "Flossen" in einem Grün (Tauerngrün), so tief wie der Ozean.

Saugstarke Quadrate

Von den Wänden hallt die Stille ebenfalls ohrenbetäubend wider. Dort hängen die sparsamen Kompositionen von Ray Malone, der bereits im Vorjahr seinen Achziger gefeiert und vor seiner Entscheidung, Künstler zu werden, eher ruhige Berufe ausgeübt hat: Buchhändler, Bibliothekar, Englischlehrer. Seine Zeichnungen aus geradezu musikalisch verteilten vertikalen Strichen SIND in Wirklichkeit gar keine Zeichnungen, das sind minimalistische Reliefs. Die Linien: schwarzer Fotokarton, von hinten vielleicht ein, zwei Millimeter akkurat durchs Blatt geschoben. Kleine Hürden, über die der Blick stolpert, wenn er übers Papier streicht, dessen natürliche Ausstrahlung wiederum von einem zarten Make-up aus Reißkohle betont wird.

Rhythmen, Variationen, Raster, Proportionen. Schwarze Balken wandern über satte, monochrome Farbfelder, rußig schwarze Quadrate werden zu kosmischen schwarzen Löchern, saugen die Aufmerksamkeit des Betrachters in die unergründliche Finsternis hinein. Und wenn ein strahlendes Gelb oder Orange oder ein unscheinbares Grau von Nuancen seiner selbst gerahmt wird, scheint die Fläche plötzlich MEHR als lediglich zwei Dimensionen zu haben. Elegante Präzisionsarbeiten. Kompromisslose Konzentrate nicht bloß für die INTELLEKTUELLE Schaulust.

Ruhe zu bewahren heißt definitiv nicht, dass man nichts zu sagen hätte. Eine Ausstellung, die nichts weniger ist als: perfekt.