Der Titel der Schau übertreibt wahrlich nicht: "Pictures of People and Plums and Things." Im Gegenteil, das ist sogar noch untertrieben. Bilder von Leuten, Zwetschken und Dingen? Und wo sind, bitte, die Feigen und die Trauben? Doch auf die kommt’s im Endeffekt eh nicht an. Mehr auf das Licht. Und auf diese nicht eindeutig zu benennende Farbe, die über die Früchte wandert.

"Wir haben immer Kontakt gehabt, aber unsere BILDER nicht", sagt Bianca Regl, die vor mittlerweile zehn Jahren das letzte Mal mit Robert Muntean gemeinsam ausgestellt hat. Damals unter dem Titel: "Pictures of Animals and People, Some Dead." Tiere wird man in der Radetzkystraße 4, wo jetzt auch endlich die BILDER der beiden wieder miteinander abhängen, KEINE finden (wobei: Sind Menschen nicht streng genommen ebenfalls Tiere?), dafür mindestens eine Person, die schon tot ist: Egon Schiele. Und auf den Stillleben von Bianca Regl eben Pflaumen, Feigen und rote Trauben. Einwandfrei identifizierbar.

Keine violetten Bananen

Regl: "Ich geh zum Spar mit einer visuellen Vorstellung von so an Caravaggio." Caravaggio, dieser italienische Meister des Frühbarock. Legendär für seine dramatische Lichtregie, sein Hell-Dunkel. Na ja, und für die dreckigen Fußsohlen. Das Obst von Bianca Regl schaut allerdings gewaschen aus. Und dass sie genau diese drei Sorten besorgt hat, die farblich perfekt harmonieren, ist sicher kein Zufall. Dass sie also im Supermarkt keine Bananen gekauft hat, die bekanntlich gelb sind (oder grün oder braun). Nicht, dass sie die nicht umfärben hätte können, immerhin steht sie auf eine autonome Bildfarbe, die sich von der jeweiligen Gegenstandsfarbe nix dreinreden lässt. Hier können sich die beiden Farben (die des Bildes und die des Gegenstands) freilich auf einen fairen Kompromiss einigen, wie die Farbe Violett selbst einer ist (ein Kompromiss zwischen Rot und Blau).

Violette Früchtchen von Bianca Regl. 
- © Bianca Regl

Violette Früchtchen von Bianca Regl.

- © Bianca Regl

Eigentlich sind mir die appetitlich gemalten, von innen leuchtenden Stillleben ja bereits zu "fertig", zu ausformuliert. Im Gegensatz zum Männerakt, von dem die Künstlerin manche Partien detaillierter schildert, andere wiederum bloß skizzenhaft andeutet. Mit dem Licht, in das sie den Pinsel gewissermaßen getunkt hat, modelliert sie den Körper teilweise aus dem dunklen Grund heraus, holt ihn aus dem rotbraunen Schatten, die Fläche wird zum diffusen Raum. Ein Männerakt als imposanter Akt des Malens. Womöglich rührt die aufregende Frische und das Non-finito vom überwältigenden Format her und daher, dass die Malerin an einem Tag fertig werden hat müssen ("also ausschlafen und Handy aus"), weil sie prinzipiell ins Nasse malt. "Wenn die Bilder in der Größe sind, sind sie ein bissl ÜBER meinem Tagewerk. Aber sie verlangen es von mir, was soll i machen?"

Sampeln und spachteln

Witzigerweise sieht der Akt dem Robert Muntean erstaunlich ähnlich. Unverdientermaßen. Muntean war nämlich nicht das Modell. In seiner eigenen Kunst sind etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen zwar durchaus beabsichtigt und alles andere als rein zufällig, doch wirklich von Belang ist’s nicht, dass das zum Beispiel der Schiele ist, der sich im Spiegel betrachtet (wie auf einer Schwarzweiß-Fotografie, die da quasi in Farbe "vertont" wird). Jede Figur löst sich sowieso mehr oder weniger komplett im abstrakten "Sound" auf.

Muntean sampelt und spachtelt, macht mit der Farbe Krach, erzeugt eine vielschichtig verwobene optische Klangwelt aus Dissonanzen und Harmonien, malt, wie die Rockband Sonic Youth spielt. Expressive, dichte Bilder, die seine Hörerfahrung und seinen Musikgeschmack in Malerei übersetzen. Weder zu leicht konsumierbar noch schwer verdaulich. Und keiner muss frustriert sein, wenn er die eingearbeiteten Motive aus dem Pop-Kosmos nicht erkennt. Weil das wahre Motiv ganz offensichtlich die Malerei selbst ist. Dabei soll die Spachtel die persönliche Handschrift dekonstruieren. (Muntean: "Den eigenen Pinselduktus auszustellen, ist nicht so meins.") Als ob man mit der Spachtel nicht möglicherweise sogar NOCH persönlicher werden könnte als mit dem Pinsel.