Das Dom Museum Wien erhält am 8. Oktober im Rahmen des 31. Museumstages in Krems von Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer den Museumspreis 2020 verliehen. Die Laudatio der Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat für die seit 2017 erfolgende Neukonzeption durch Direktorin Johanna Schwanberg wird jenen breiten und offenen Bogen zwischen Zeiten, Kulturen und Religionen beleuchten, den die Kunst vom Mittelalter bis in die Gegenwart für die Gesellschaften in dieser Stadt vermittelnd einzubringen vermag.

Die vierte Themenschau Schwanbergs, gemeinsam erstellt mit Ko-Kurator Hans Speidel, ist wieder von der gotischen Buchmalerei über barocke Blumenkaseln und romantische Landschaften eines Alessandro Magnasco oder eines Caspar David Friedrich bis in die Gegenwart angelegt und trägt den Titel "Fragile Schöpfung". Was sich da als roter Faden durch acht Jahrhunderte Menschheitsgeschichte zieht, ist zwar hochaktuell angesichts der derzeitigen Gesundheits- und Wirtschaftskrise, entwirft aber kein Endzeitlamento. Als versöhnliches Auswegszenario dient etwa die ironische Nachschöpfung Mathias Kesslers: Am Totenkopf im Meereswasseraquarium werden sich im Laufe des Ausstellungsjahrs zusehends Korallen ansiedeln. Leben im Toten wird auch im kahlen Innenhof durch die Geschwister Hohenbüchler mit Studierenden zweier Universitäten 2021 im Glashaus geschaffen.

Destruktives Verhalten

In vier Teilkapiteln werden, neben destruktiven Aspekten menschlichen Verhaltens, auch bedrohliche Naturereignisse gezeigt - etwa im Gemälde Albert Bierstadts mit dem "Ausbruch des Vesuvs" 1899. Als Bezug zur Gegenwart konfrontiert Shonah Trescott die erhabene Ästhetik der Romantik mit realen Katastrophen wie australischen Buschfeuern. Natürlich ist das Künstliche der zerstörerischen Plastikwelten hier zugegen, von Lois Weinbergers "Baumfest" 1977 über Catrin Bolt und Julie Monaco bis zu den asiatischen Pflanzenimitationen, die Regula Dettwiler zu Herbarien am Papier wandelt. Bestrafende Disziplinierung zeigt das Baumfundstück Michèle Pagels in einem Zaun. In "Geist und Natur" wird die wissenschaftliche mit der künstlerischen Welt verknüpft (wie im Gemälde von Muntean & Rosenblum mit der Beischrift: "Nothing exists independently, not a single molecule, not a thought"). Der Klassiker einer real erweiterten Kunstaktion ist freilich das verschmutzte Rheinwasser, das Joseph Beuys mit Nicolás Garcia Uriburu 1981 als Vorbild heutiger Ökologiebewegung in Flaschen zur Kunstedition einschloss.

Doch die Schau beginnt nicht mit schmelzendem Eis oder konservierten Erdschollen, sondern mit "Ordnung der Liebe" und Beiträgen von Weinberger, der nicht nur mit dem Leitmotiv "Die Erde halten" von 2010 eine Interaktion mit der Natur anspricht, die Hauptaspekt seiner lebenslangen soziokulturellen Suche war. Dazu ist der Kinderwagen voller Zimmerpflanzen von Marc Dion als Aufforderung zur "Nursery" zu verstehen. Die Ambivalenzen zwischen Pflege, Aufzucht und Kultivierung treten schon in der Renaissance in der "Sacra Conversatione" Alessandro Araldis zutage.

Gegenübergestellte Pole

Auch "Bedrohung und Faszination" und "Ausbeutung und Verantwortung" stehen nebeneinander, wenn etwa Oliver Ressler Klimaaktivisten in Videos folgt und jeden Flug nach New York als Teil der Zerstörung des Eises und Permafrosts auf fotografierten Böden dokumentiert.

Die geteerten Skulpturen Marc Dions sind ein schrecklicher Endpunkt fragiler Schöpfung, doch klingt die Schau mit "Kontemplation und Inszenierung" in der permanenten Sammlung aus, wo das vom Brand fragmentierte Chorgestühl von St. Stephan zurückverweist auf die sich selbst schaffende Kunst - auch durch Bienen, wie sie Timm Ulrichs in seiner Wachscollage oder Dieter Roth mit einer Wurstscheibe als Sonnenaufgang am Papier vorführen. Ein anonymes Bild der Arche Noah als Rettung und die Zerstörung der Artenvielfalt in Südamerikas Flüssen durch Carolina Caycedo ziehen uns jedenfalls ebenso in seinen Bann wie die Erkenntnis, dass Blumen niemals nur schön waren.