Sollte da nicht eigentlich die Galerie Crone sein? Sollte, ja. Trotzdem ist an ihrer Adresse am Getreidemarkt jetzt offenbar ein Baumarkt eingezogen. Nein, doch nicht, falscher Alarm. Oder schon? So eindeutig IST das nämlich gar nicht.

Außen zumindest ist alles original Hornbach, und unmittelbar hinterm Eingang heißt einen dieser Fußmattenspruch ebenfalls noch ganz authentisch "Willkommen im Dauertiefpreisgebiet!", also im Weltfrieden, denn die Preisschlachten finden anscheinend HINTER den Kulissen statt. Und "Kulissen" ist auch gleich das Stichwort. Fototapeten gaukeln lange Regalgänge vor. (Moderne Scheinarchitektur.) Überhaupt wirkt alles ein bissl wie eine Bühne. Sogar einen Vorhang gibt’s (zugegeben, der ist orange und nicht theaterrot und außerdem mit einem Streumuster aus Äxten, Hämmern, Zangen und Schraubenziehern dekoriert), hinter dem man sich plötzlich wieder in einer klassischen Galerie befindet, und schön langsam dämmert’s einem: Das muss eine Kunstinstallation sein.

Versace-Kleid mit "Arschgesicht": "Medusa's stare" von Shana Moulton. 
 - © Foto: Matthias Bildstein, Courtesy: Galerie Crone
Versace-Kleid mit "Arschgesicht": "Medusa's stare" von Shana Moulton.

- © Foto: Matthias Bildstein, Courtesy: Galerie Crone

Der gute alte Knusperhäuschen-Trick?

Ach, wollen die mit dem alten Knusperhäuschen-Trick ein neues Publikum einfangen, weil halt mehr Leute einen Baumarkt aufsuchen als eine Galerie? Blödsinn. (Oder soooo blöd auch wieder nicht.) Hier wird vielmehr das Stück "Diskrete Simulation" aufgeführt. Im Rahmen des "Curated by"-Festivals. Und das heurige Thema, zu dem in 24 Wiener Galerien Ausstellungen kuratiert worden sind, lautet nun einmal "Hybrids".

Jakob Lena Knebl, die dabei selber zum Mischwesen aus Kuratorin und Künstlerin wird und bereits mit ihrem KünstlerInnen-Namen (mit Binnen-I) einen androgynen Geschlechtshybriden erschaffen hat, hybridisiert konsequenterweise gleich den Ausstellungsraum selbst (genial!), kreuzt ihn mit einem Heimwerkerparadies. Durch einsickernde "echte" Kunst fliegt die Baumarkt-Tarnung mehr oder weniger schnell auf: ein paar Gemälde (nicht, dass das marktschreierisch angepriesene "Farbmisch-Service" für Bildermaler nicht genauso praktisch sein könnte wie für Anstreicher), in Judith Fegerls "Incubator", der Brutkasten, Wiege und alchemistisches Laborgefäß in einem ist, wird menschliches Haar (tote Materie, die aber wächst, als wär sie lebendig) per Galvanisierung live vergoldet, und eine obskure, nicht wirklich einzuordnende flauschige Chimäre aus Katze und amorphem Objekt (die "Artificial Soul No. 3" von Blaukind) schnurrt dezent auf einem Sockel und reagiert mit einem kitschigen inneren Leuchten auf jeden, der sich dem pelzigen Klumpen skeptisch nähert.

Das Gedicht "Schlagbohrmaschine" – von Goethe?

Daneben entpuppt sich eine fulminante künstlerische Performance ("Blixa Bargeld liest Hornbach") als kommerzieller Werbespot. Ausgerechnet den Sänger einer Band, die sich "Einstürzende Neubauten" nennt, zu engagieren, um für eine Baumarkt-Kette zu werben, das allein zeugt ja schon von großem Mut zur Selbstironie. Der Werbeprospekt mutiert regelrecht zu Weltliteratur, ein brillanter Performer lässt Hornbach wie Goethe schillern. "Grillholzkohle", sinniert Blixa Bargeld entrückt oder deklamiert mit apokalyptischer Verzweiflung: "Feuchteschäden – was tun?" (Hm. Eine Arche bauen?) Das Gedicht "Schlagbohrmaschine" skandiert er dann mit geradezu rappender Verve: "PSB tausend RCA, tausendundzehn Watt . . ."

Dafür ist der Kunden-Terminal KEIN Fake-Requisit, sondern voll funktionsfähig. (Okay, mit dem Scanner kann man keine Waren einlesen, die präsentierten Kunstwerke haben schließlich keinen Strichcode.) Den Terminal dürften freilich eher die Kunstinteressierten nutzen, weniger die Verirrten. Als Spielkonsole. Um im Online-Shop ihre heimlichen kettensägenölverschmutzten Heimwerker-Fantasien und spachtelmassefeuchten Renovier-Träume auszuleben. (Wobei: Wer ein Bild an der Wand montieren will, sollte eh auch wissen, wo der Hammer hängt.) Galeriedirektor Andreas Huber: "Die schaffen es bis zum Warenkorb." Aber scheinbar nimmer ins Bezahl-Level. Das ist ihnen wohl bereits zu realistisch.

Promiskuitive Genres

Generell geht’s diesseits und jenseits des Vorhangs sehr physisch zu. Vielleicht wird nicht so geschwitzt wie in der Hornbach-Fernsehwerbung, wo sich urwüchsige Kerle richtig dreckig machen und nicht bloß die Sau rauslassen, sondern gleich die WILD-Sau. Kein Tropfen Körperflüssigkeit rinnt jedenfalls aus den verstümmelten Androiden in der kühlen, waren- und deformationsfetischistischen Hochglanz-Orgie, die Frederik Heyman für Y/Project inszeniert hat. Ein ambivalent sinnlicher, perfekter Science-Fiction-Werbeporno, in dem Modelfleisch und Maschine miteinander und mit geilen Stiefeln verschmelzen.

Die Genres sind in der Grenzen ignorierenden und verwischenden Schau sowieso promiskuitiv, "Hoch-" und "Tief"-Kultur haben ein intimes Verhältnis. Ein Designerkleid kriegt von Shana Moulton ein animiertes "Arschgesicht" ("Medusa’s stare" – das Versace-Logo mit Lidschlag), wird zu einem Cyborg auffrisiert beziehungsweise zu einem (schlanken) Teletubby, nur dass der Bildschirm eben am Hintern sitzt, nicht am Bauch. Witzige Idee, dass der Podex zurückglotzt und der Spechtler zur Strafe für seinen lüsternen, indiskreten Blick womöglich zu Stein erstarrt.

Kunst, Technik, Mode, Werbung, Pornografie, Heimwerken treiben es in dieser WG von Kunst- und Baumarkt so raffiniert und komplex miteinander (ein geglücktes Spiel mit der Irritation und mit Identitäten), kein Wunder also, dass ich mich schon selber nicht mehr auskenne: Hab ich grad eine Kunstkritik geschrieben oder ist das eine Werbeeinschaltung?