Im Weltraum hat bekanntlich das komplette Universum Platz. Der "Wahrheitsraum" von Björn Dahlem ist da deutlich kleiner (na ja, er ist von vier Wänden umgeben und hat die endlichen Weiten eines Zimmers), trotzdem passt immerhin der ganze Planet Erde rein (okay, ein Leuchtglobus). Nebst noch ein paar anderen Sachen, die irgendwas mit dem Rest vom Universum zu tun haben.

Diese fast überwältigend rätselhafte, kosmische Installation in der Galerie Krinzinger (Holzlatten, Leuchtstoffröhren, Alltagsfunde, Geometrie und eine Fake-Tür in die Finsternis – dort will aber sowieso keiner hin, die Erkenntnis liegt im Licht, oder?), die hat einen Untertitel, der einen freilich auch nicht viel weiterbringt (gut, zumindest schon einmal rauf bis zum Mond): "Palus Somni" ("Sumpf des Schlafs"). So heißt nämlich ein Fleck da droben, eine Ebene mit erstarrter Lava in der Nähe jenes "Meeres der Ruhe" (Mare Tranquilitatis), wo am 20. Juli 1969 ein kleiner Schritt gemacht wurde, der zugleich ein riesiger Sprung war. Bei der Begehung, nein, nicht des Erdtrabanten, sondern des "Wahrheitsraums", entdeckt man früher oder später unweigerlich die zwei Pillen aus dem Science-Fiction-Klassiker "Matrix", die als leibhaftiges Zitat auf einem Tischerl lauern. Und als verlockende eucharistische Speise.

So sieht sie also aus, die "Flat Earth Theory" (zumindest wenn es nach Björn Dahlem geht). 
 - © Foto: Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger und Björn Dahlem
So sieht sie also aus, die "Flat Earth Theory" (zumindest wenn es nach Björn Dahlem geht).

- © Foto: Anna Lott Donadel, Courtesy: Galerie Krinzinger und Björn Dahlem

Die rote Kapsel kennt auch nicht immer die Wahrheit

"Schluckst du die BLAUE Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das, was du glauben willst. Schluckst du die ROTE Kapsel, bleibst du im Wunderland. Und ich führe dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus." – Blau für die Realitätsverweigerer, rot: quasi eine Wahrheitsdroge, die einem die Welt zeigt, wie sie wirklich ist. Pikanterweise hat die Wahrheit im "Matrix"-Universum frappante Ähnlichkeit mit einer Verschwörungstheorie: Die Menschen fungieren lediglich als Batterien für intelligente Maschinen und leben eigentlich in einem Computerspiel, in einer Virtual Reality. He, das ist ja beinah so surreal wie unsere "neue Normalität", wo alle mit Masken und Babyelefanten herumlaufen.

Und was wollen mir die blaue und die rote Kapsel im "Wahrheitsraum" nun sagen? Dass die Wahrheit eine Entscheidung ist und die Menschheit ein Multiversum aus alternativen Wahrheiten und Weltbildern bevölkert? Oder sich jeder seine eigene Wahrheit und Wirklichkeit zusammenzimmert wie der Künstler selbst sich seinen "Wahrheitsraum"?

Keplers platonische russische Puppe

Nebenan führen mysteriöse Lichtobjekte vielleicht nicht zur Erleuchtung, geschweige denn in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus, doch AUCH an interessante Orte wie zum Beispiel zu den Flacherdlern ("Flat Earth Theory"). Und warum, bitte, ist ein Luster auf die Tischlampe gestürzt? (Die Erde mag flach sein, was drauf ist, ist nichtsdestotrotz dreidimensional.) Der Saturn: ebenfalls eine Tischlampe. Umschwirrt von sechseckigen Ringen. Und ist der Johannes Kepler schuld an den Dodekaedern und Fußbällen hier überall? Schließlich hat er geglaubt, die Baupläne fürs Sonnensystem gefunden zu haben und hat aus diesem so etwas wie eine russische Puppe aus platonischen Körpern gemacht. (Der Fußball ist allerdings ein ARCHIMEDISCHER Körper. Aus zwölf Fünfecken und 20 Sechsecken.) Damals war im Sonnensystem übrigens praktischerweise bereits beim Saturn Schluss, gerade als Kepler die platonischen Körper ausgegangen sind.

Und mit "Spin ½ (Pauli-Prinzip)" (keine Lampe, dafür ist ein Kerzenständer involviert) ist man plötzlich mitten drin im Wunderland, das noch weitaus verrückter ist als das von Alice: in der Quantenphysik. Soll der Kreis mit dem Kern ein Atom darstellen? Und sind die vier Eichenblätter die Elektronen? Moment: Eiche. Handelt es sich am Ende um ein "DEUTSCHES" Atom? Das Germanium hat jedenfalls zufällig TATSÄCHLICH vier Außenelektronen.

Makro- und Mikrokosmos, Weltall und Teilchenphysik – lauter Anspielungen, Assoziationen, Rätsel und Fragen. Björn Dahlem übersetzt die Sprache der Wissenschaft in seine eigene, greifbare, die nicht zwangsläufig zugänglicher ist (auch wenn man seine Installationen begehen kann), forscht in seiner Kunst weiter, wobei seine insgeheim gar nicht so primitive Ästhetik vertraute Dinge aus dem Alltag oder dem Wohnzimmer mit anspruchsvollen Wissensgebieten verknüpft. Man ist fasziniert, wenngleich man nicht so recht durchblickt und ein bissl desorientiert durch die Ausstellung stolpert. Aber vermutlich ist das Absicht. Weil es immer mehr Fragen als Antworten geben wird und zu jeder richtigen Antwort irgendwann eine richtigere.