Nein, bei den Bildern vom Harald Gangl handelt es sich um KEINE visuelle Abendmusik, die aus schmelzenden Farbtönen komponiert worden ist statt aus romantischen Geigenklängen, obwohl die Ausstellung in der Galerie Frey ja "Serenade" heißt. Der gebürtige Klagenfurter (Jahrgang 1959) malt vielmehr vorzugsweise in den Abendstunden und hört dabei Musik (Bach und Jazziges), um sich in Stimmung zu bringen für seine landschaftlichen Farbgefilde. Also doch irgendwie "Eine kleine Nachtmusik". (Wobei die natürlich von Mozart ist und nicht von Bach.)

He, wenn Mozart sich angeblich positiv auf das Pflanzenwachstum auswirkt und die Paradeiser sogar aromatischer werden, während mit Heavy Metal und Hardrock beschallte Gewächse verkümmern, dann funktioniert das eventuell bei gemalter Botanik genauso. Oder sind das in Wahrheit völlig abstrakte Bilder (immerhin sind sie allesamt "ohne Titel") und jegliche Ähnlichkeit mit menschenleeren Gegenden, mit Gewässern, dem Himmel, Sonnenuntergängen oder mit Bäumen beziehungsweise mit Rinde in Nahsicht (aus der Spechtperspektive sozusagen) ist unbeabsichtigt und rein zufällig?

Gib dir täglich einen Kieselstein

Nein, KEIN Zufall. Gangl: "I bin a sehr genauer Beobachter." Seine Wahrnehmung schult er selbst an den kleinsten, unscheinbarsten Dingen. ("Schauen Sie sich einen Kieselstein an. Das tu ich täglich." Als Übung.) Nicht, dass er irgendwas ABMALEN würde. ("Ich fang SCHON mit einer Idee an. Die wird dann relativ schnell verworfen.") Er reagiert lieber auf das, was auf der Leinwand passiert. Oder auf dem aufgespannten Mollino. ("Ich denke, dass das bei den Komponisten ähnlich ist. Man hat eine kleine Melodie im Kopf und noch keine Symphonie. Und am Ende ist die Melodie vielleicht nicht mehr vorhanden – oder sie ist das große Thema.") Und dort verwandelt sich die Ölfarbe eben immer wieder in optische Echos von Landschaften und der Natur. Und die verhaltene Dynamik suggeriert, dass der Prozess noch gar nicht komplett abgeschlossen ist, dass sich noch was tut. Dass man lediglich lange genug hinsehen muss und die letzten Glutnester vom nachglühenden Tag zum Beispiel wären plötzlich futsch.

Das klassische Streichinstrument der Maler kommt beim einstigen Hollegha-Schüler freilich kaum zum Einsatz (der Pinsel). Eher bei Ausbesserungsarbeiten. Da steht einer mehr auf Spachteln, mit denen er obendrein natürliche Strukturen ins Feuchte hineinzeichnet (mit Relief-Illusion), und auf Walzen. Oder er malt so, wie er in seiner Band (Singer-Songwriter ist er nämlich ebenfalls) Gitarre spielt: mit den Fingern. Okay, nicht mit den bloßen. Schon mit Handschuhen.

Auch die Sonne ist eine Tageslichtlampe

Womöglich sorgen Bach und Jazz aber tatsächlich für brillantere Farben: ozeanisches Türkis zum Versinken, feuriges Orange, spätabendlich kühles Violett, noch kälteres winterliches Weiß, das ein blassblauer Himmel anhaucht und zum Schmelzen bringt, oder geerdetes Grün und Braun. Jedenfalls werkt der Gangl meist notgedrungen (Stichwort: Abend, und jetzt wird’s mit jedem Tag FRÜHER finster) bei künstlicher Beleuchtung. Außerdem verfügt er über "kein Atelier, wo Tageslicht eine Rolle spielen würde". Doch erstens verwendet er sowieso Tageslichtlampen (und im Grunde ist die Sonne ja auch eine solche, bloß eine ziemlich große und helle – und definitiv keine Energiesparlampe), und zweitens hängen die Arbeiten im fensterlosen Keller der Galerie eh wieder im Kunstlicht. Und drittens: "Was noch dazu kommt: Wenn die Bilder im Tageslicht angeschaut werden, werdens nicht schlechter." (Der Künstler mag diesbezüglich ein bissl befangen sein, ich glaube ihm trotzdem.)

Der Tag glüht noch ein bissl nach? Harald Gangl macht Stimmung. 
- © Galerie Frey

Der Tag glüht noch ein bissl nach? Harald Gangl macht Stimmung.

- © Galerie Frey

Das Licht scheint überdies nicht allein von vorne zu kommen, sondern gleichfalls von hinten, aus den Tiefen der Malerei. Ein geheimnisvoller Schimmer dringt gern durch die vielen transparenten Schichten, die sich zu einem delikaten Nuancenreichtum überlagern, dem der Firnis wiederum abschließend einen ebenmäßigen Teint verpasst.

Schönheit ist echt nix für Weicheier

Darf man denn so schöne Bilder malen, mit dermaßen attraktiven Farben? (Klar. Unbedingt.) Dass sie gut SIND, die Bilder, dagegen kann wohl niemand was haben, aber wenn sie auch noch gut AUSSCHAUEN? Darf ich überhaupt SCHREIBEN, dass sie schön sind? Schönheit ist doch kein Kriterium in der Kunstkritik, oder? (Na ja, wenn die Hässlichkeit eins ist . . .)

Oft ist die Rede vom Mut zur Hässlichkeit, dabei muss man wahrscheinlich viel mutiger sein, wenn man sich zum Gegenteil bekennt. Den Harald Gangl lässt das kalt: "Mir ist das egal, ich geh meinem Bedürfnis nach." Und er zitiert Augustinus (oder Thomas von Aquin oder einen unbekannten Scholastiker?): "Die Schönheit ist der Glanz des Wahren." Um nach einer gedankenstrichkurzen Pause einzuschränken: "Wenn man’s nicht verkitscht."

Oberflächlichkeit kann man dieser vielschichtigen Malerei zumindest NICHT vorwerfen. Dazu kann der Blick zu tief in sie abtauchen. Hm. Und wenn die Bilder bereits ZU schön sind, um wahr zu sein? Sind sie halt einfach nur verdammt gut.