Wirklichkeiten – da war doch einmal was. Richtig, diese österreichische Künstlergruppe hat so geheißen, die in den 1960er und 70er Jahren gegen die abstrakte Mode aufbegehrt hat, gegen das Informel. Ach, und davon gibt’s nun eine aktualisierte Version? Ein 2.0? Obwohl die Kunst heute eh pluralistisch ist? Der Titel der Eröffnungsausstellung in der geburtsfrischen Galerie Estermann + Messner lautet jedenfalls "Neue Wirklichkeiten I". Bei den NEUEN Wirklichkeiten beträgt der Frauenanteil noch dazu keine mageren 16,67 Prozent wie bei den ALTEN (16,67 – in Worten: Martha Jungwirth; beziehungsweise: eine Frau, fünf Männer), sondern emanzipierte, fast schon matriarchalische 100 Prozent. Die Wirklichkeit ist ja tatsächlich weiblich (Wirklichkeit, die). Wie die Realität. Dafür sind sämtliche Ismen männlich. Selbst der Realismus.

Okay, es handelt sich um keine offizielle Girlgroup. Außerdem ist für den zweiten Teil ("Neue Wirklichkeiten II") ein Männertrio geplant. (Geschlechtertrennung?) Trotzdem passen die drei Künstlerinnen ohne Binnen-I (Karen Holländer, Franziska Maderthaner, Bianca Regl) verdammt gut zusammen. Alle drei haben einen ausgeprägten Realitätssinn. Ihre Malerei ist also nicht weltfremd. Sie malen die Welt aber auch nicht einfach ab. Und jede hat ihre EIGENE Realität.

Gold aus dem Erste-Hilfe-Kasten

Bekanntlich hat eine neue Zeitrechnung begonnen (n. Cor.: nach Corona), und die neue Normalität ist anscheinend ein Goldenes Zeitalter. (Ich hab gedacht: ein papierenes. Ein klopapierenes.) Die Leute flüchten sich ins angeblich krisensichere Edelmetall, kaufen Gold (und die andern eben Klopapier), um sich sicher zu fühlen.

Karen Holländer begegnet dieser Sehnsucht nach Schutz und Sicherheit zum Teil mit Ironie (ihre goldene Sicherheitsnadel geht nicht zu), doch stets mit allen malerischen Finessen, bringt die Ölfarbe auf der Leinwand in allen Tönen zum edlen Glänzen. Wie in ihrem indirekten Selbstporträt, wo die goldfarbene Schutzfolie aus dem Erste-Hilfe-Kasten, die Unfallopfer vor Unterkühlung bewahren soll, vor einem unbestimmten, tiefen Unendlichkeitsblau schwebt und sich vage an den Körper der Künstlerin erinnert, die vorher draufgelegen ist ("Was bleibt"). Eine geknautschte abstrakte Fläche mit einem Hauch Menschlichkeit. Das Gold mag ein gemalter Fake sein, der Reichtum der Farbe ist echt (der Nuancenreichtum).

"Was bleibt" von Karen Holländer? Eine Schutzfolie erinnert sich an den Körper der Künstlerin. - © Daniela Beranek
"Was bleibt" von Karen Holländer? Eine Schutzfolie erinnert sich an den Körper der Künstlerin. - © Daniela Beranek

Im Triptychon gegenüber sind Licht, Schatten und Farbe unentwegt "Im Fluss" (Bildtitel), verwandelt sich das plätschernde Blau des Wassers durch delikate Lichtreflexe in flüssiges Gold und rinnt unten aus, der Schwerkraft entgegen. Ist die Malflüssigkeit, die Farbe, die sich ganz natürlich benimmt und schlichtweg fließt und tropft, jetzt freilich weniger realistisch als die ge-malte Flüssigkeit, das fließende Gewässer? Holländer: "Meine Realität wird immer abstrakter."

Eine Tulpe ist auch keine Unschuld vom Lande

Barocke Opulenz und Sinnlichkeit bei Franziska Maderthaner, dieser Virtuosin, die zwischen dem Alt- und Neumeisterlichen lustvoll hin- und herswitcht, während Gegenständlichkeit und Abstraktion es leidenschaftlich miteinander treiben. Die grenzenlose Freiheit des Abstrakten (des expressiven Auftragens, des Schüttens, des Verblasens der Farbe mit dem Föhn) ist der kreative Nährboden, aus dem die g’schmackig geschilderten Früchte und kunsthistorischen Zitate erwachsen (unterstützt vom Computer, an dem die Kompositionen zuerst erprobt werden, nachdem der bunte, fruchtbare Acker abfotografiert worden ist). Da BLÜHT den abstrakten Gefilden was, nämlich eine "Tulipmania". (Der Titel spielt auf die Tulpenhysterie an, den rasanten Preisanstieg und –verfall von Tulpenzwiebeln in den 1630er Jahren in den Niederlanden. Die erste Spekulationsblase, die gut dokumentiert geplatzt ist.) Die Tulpen feiern eine wilde Orgie mit der puren Malerei. Für heißen Blümchensex braucht man sichtlich nicht unbedingt Bienen.

Ob das süffige Gemälde eine selbstironische Warnung davor ist, die Kunst maßlos überzubewerten? Maderthaner: "Kunst ist im Prinzip auch nichts anderes als symbolisches Kapital." Na ja, eine Aktie zum Aufhängen halt. Ein andrer Titel spricht ein "Assoziationsverbot" aus, an das sich kein Betrachter halten kann. Denn wer sieht hier bloß ein harmloses Stillleben mit Melanzani und einem Seidenoberteil und keinen Busenblitzer? Oder mit den Worten der Künstlerin: "Es sind im Endeffekt nur zwei Melanzani, um die ich ein Top drapiert hab, aber man könnte auch sagen, dass es zwei Titten sind." Politisch schön unkorrekt. Wie die Vollverschleierte ("Politischer Stoff"), deren "Burka" mehr ent- als be-kleidet. Maderthaner ("du siehst Brustwarzen, was GAR nicht geht") zitiert da ein erotisches Werk des Rokoko-Bildhauers Antonio Corradini, der berühmt war für seine aufreizend "verhüllten" Skulpturen, seine Damen, über die er einen hauchdünnen, transparenten Schleier geworfen hat. Diese hier ist pikanterweise eine Allegorie der Keuschheit.

Bianca Regl wischt sich übers Gesicht: "Permanent Déjàvu." - © Michael Ornauer
Bianca Regl wischt sich übers Gesicht: "Permanent Déjàvu." - © Michael Ornauer

Den Pinsel ins Licht tauchen

Und schließlich Bianca Regl, die einen klassischen Männerakt ans Licht holt, ihn aus einem neutralen dunklen Grundton, einem monochromen Hintergrund herausskizziert und –modelliert (mit ihrem fulminanten Pinsel, den sie quasi in die Helligkeit getunkt hat und der manches lediglich grob andeutet, während er an anderen Stellen länger verweilt, um Muskeln oder Wangen zu streicheln, Füße zu kitzeln). Und ihren Selbstporträts (eine rhythmische Abfolge von Einzelstimmungen) gibt sie mit schwungvollen Wischgesten einen potenziellen Bewegungsspielraum, verwandelt die Bilder förmlich in lauter Tablets (auch wenn wir auf Letzteren mit BLOSSEN Fingern herumwischen – und farblos, sonst SEHEN wir ja irgendwann nix mehr). Power-Malerinnen.