Der Verdacht ist nicht neu: Der kleine Unterschied zwischen Männern und Frauen wäre in Wahrheit so gewaltig, dass die beiden nicht einmal mehr derselben Spezies angehören würden. Ach, weil Männer angeblich Schweine sind? Oder Marsianer? (Bezeichnenderweise spricht nie jemand von den Mars-WEIBCHEN.)

Deborah Sengl, die den Menschen in ihrem malerischen und skulpturalen Werk überhaupt gern vertiert, setzt "ihm" diesmal jedenfalls einen Hundekopf auf und "ihr" den einer Katze, kreuzt beide Geschlechter quasi mit ihren Haustieren. Trotzdem geht’s hier nicht um "fesche Katz‘ steht auf wüd’n Hund" und umgekehrt, vielmehr um den Verlust der Privatsphäre. Um das mulmige Gefühl, ständig beobachtet und belauscht zu werden. Und neuerdings werden wir ja nicht lediglich von Google verfolgt, sondern obendrein von diesen Fährtenlesern (den Contact Tracern). Oder man holt sich die Spionin gleich selber ins traute Heim. Verrückt: Da haben die Leute Vorhänge oder Jalousien an ihren Fenstern und dann installieren sie freiwillig ein Abhörgerät bei sich zu Hause. Diese Plapperdose, die vor allem eine gute Zuhörerin ist. ("Alexa, erinnere mich, Klopapier zu kaufen.")

Betrachter sind Voyeure

Der multitaskingfähige hündische Geschäftsmann (ein Geschäftsrüde sozusagen) auf der Toilette HAT übrigens noch welches, also Klopapier, während er auf einem Smartphone herumwischt und ein zweites auf seinem Oberschenkel zwischenparkt (das Handy ist sowieso das A und O der permanenten Überwachung: das Auge und Ohr) und auf der Muschel ein weiteres "Geschäft" erledigt, offenbar ein großes (Big Business).

Sengl spielt mit ihrem Streichinstrument (dem Pinsel) nun die diversen Wohnräume durch, zeigt intime oder zumindest private Situationen aus der Perspektive einer versteckten Kamera. Ein schwules Pärchen tauscht in der Küche zungenfeuchte Zärtlichkeiten aus, ein heterosexuelles hat Frust im Schlafzimmer (er ist beim Zeitunglesen eingenickt, sie deswegen angefressen), und im Kinderzimmer starrt das minderjährige Schäfchen (ein Unschuldslamm, ausnahmsweise ein Vegetarier und kein Raubtier) den Betrachter direkt an, der sich jetzt plötzlich in der Rolle der Webcam wiederfindet und als das geoutet wird, was er ist: ein Voyeur. (Wobei Laptops und Handy natürlich Kyklopen sind, Einäugige.)

Alex is watching you: "Eyes Wide Shot" von DeborahSengl. - © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler
Alex is watching you: "Eyes Wide Shot" von DeborahSengl. - © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Dabei wird dieser selbst die ganze Zeit heimlich beobachtet. (Oder eigentlich ist es ziemlich un-heimlich.) Von Alex. Alexas Bruder? Der verfügt zwar über echte Ohren (Sengl arbeitet mit einem Tierpräparator zusammen), hört mit denen allerdings nix, dafür kann er (ein ausgestopfter Hirsch, eine Jagdtrophäe) seine irritierenden menschlichen Augäpfel nach oben rollen, sobald er beim Spechteln ertappt wird und abrupt auf den Ich-hab-gar-nix-gemacht-Modus umschaltet. Herrlich. Grad, dass er nicht anfängt, eine harmlose Melodie zu pfeifen. In dem Fall musste neben dem Präparator noch ein Mechatroniker ran, um die komplexe Technik samt Bewegungssensor einzubauen.

Das stumme h hat Sehnsucht

"Eyes Wide Shot" heißen die Serie (der Hirsch ist Teil davon) und die komplette Ausstellung. Nach dem – fast – gleichnamigen Kubrick-Film (über eine Ehekrise infolge unausgelebter geheimer Wünsche und Begierden), nur dass dort eben die Augen weit geschlossen sind ("Shut") und nicht weit – erschossen. Nicht, dass in der Galerie Reinthaler auch bloß ein einziges Auge zu wäre (außer den beiden vom Zeitungsleser im Ehebett).

Die zweite Serie ist aber mindestens genauso aktuell und sehenswert: "Coro(h)na." Stummes h wie in "ohne". Die stille Trauer über den Verlust sozialer Kontakte aufgrund der Pandemie. Die Abwesenden (am Esstisch, auf dem Schoß vom Opa, im Arm des Verliebten – he, sind die zwei Fledermäuse im Agentenlook die Social-Distance-Sheriffs?) bleiben geisterhaft weiß, die Gemälde unvollendet. Sengl: "Nicht, weil ich zu faul war, das auszumalen. Das ist der Sehnsuchtsmensch."

Bei aller grafischen Schärfe, obwohl Sengls Stil also gekennzeichnet ist von klaren Konturen und Farben, die nichts weichzeichnen, gelingt es ihr immer wieder, gefühlvolle Blicke in animalische Augen hineinzumalen, menschliche Regungen in stark behaarte Gesichter. Einen ausgeprägten Sinn fürs Detail hat sie außerdem, setzt dem Hündchen zu Füßen des hundsköpfigen, doch ansonsten zweibeinigen Großvaters, dem sein Enkerl fehlt, kurzerhand einen Mund-Nasen-Schutz auf. Immerhin gehört sein Herrchen zur Risikogruppe, zur Generation Alt plus. (Ein Hund mit Hund? Na ja, Goofy hat ebenfalls seinen Pluto, oder?)

Großvater vermisst Enkerl: aus Deborah Sengls"Coro(h)na"-Serie. - © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler
Großvater vermisst Enkerl: aus Deborah Sengls"Coro(h)na"-Serie. - © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Alle Uhrzeiten sind okay – außer fünf vor zwölf

Und was hat es zu bedeuten, dass die Uhr genau neun anzeigt? Nix. ("Ich finde JEDE Uhrzeit gut. Nur fünf vor zwölf nicht.") So spät WAR es halt auf der Postkarte ("aus den 50er Jahren, schätze ich"), die der in Wien geborenen, lebenden und arbeitenden Künstlerin als Inspiration gedient hat. Aha, deshalb das etwas altmodische Flair. Das passt laut Sengl freilich perfekt zur "reaktionären Zeit, in der wir leben". Und danke, dass kein Tier grau ist und einen Rüssel hat.

Hat sie selber auch Tiere? (Neben dem obligaten imaginären Babyelefanten.) Antwort: "Ja." Nachsatz: "Ein lebendes." Sie pflegt nämlich nicht ausschließlich Umgang mit AUSGESTOPFTEN Viechern. Ihr Kater (nicht ALLE ihre Katzen sind demnach weiblich) trägt übrigens den nicht alkoholfreien Namen Fernet und hatte einen Bruder, den Branco. Nach dem Kräuterbitter Fernet-Branca, aber mit einem maskulinen o am Schluss. Apropos Schluss: Ende.