Der Mensch ist ja längst kein Homo sapiens mehr. Okay, der G’scheiteste auf dem Planeten ist er wahrscheinlich trotzdem noch. Sein meistgenutzter Körperteil ist allerdings inzwischen nimmer das Hirn, seit er sich evolutionär weiterentwickelt hat. Sondern? Der Hintern! Und der hat in der Galerie Jünger jetzt freie Platzwahl. Fabian Fink bietet dem Homo sedens, dem sitzenden Menschen, nämlich einen Sitzplatz an. Einen? Gleich 60!

Wieso ausgerechnet 60 Stühle? Weil er so viel Zeit gehabt hat und die Zahl 60 nun einmal wichtig für die Zeitrechnung ist? (60 Sekunden ergeben eine Minute, 60 Minuten wiederum eine Stunde – und 60 Stühle? Eine Ausstellung!) I wo, er hat einfach begonnen, sie zu entwerfen, "und es sind 60 herausgekommen". Jedes Modell ein Unikat (rustikal, exzentrisch, lustig, naiv, kumpelhaft, zutraulich, hart, anschmiegsam, abweisend, mürrisch . . .), also genauso einzigartig wie das Individuum, das sich draufsetzt, selbst wenn die imposante Sessel-Großfamilie "nicht als Statement für Diversität geplant" gewesen sein soll.

Zuerst hab ich logischerweise etwas gezögert, die Dinger auszuprobieren. Nicht aus Angst, sie könnten unter mir zusammenbrechen, weil ihr Erzeuger schließlich Bildhauerei studiert hat und nicht Möbeldesign, nein, eher weil sämtliche Exemplare (Vollholz plus Farbe) von heuer sind. Quasi frisch gestrichen. In poppigen Tönen (Violett, Dottergelb, Apricot, Giftgrün . . .), ein paar gleichwohl auch in unappetitlichem Gackerlbraun. Nach fast 60 Testungen (ich war ohnedies seit langem in keinem Fitnessstudio mehr) kann ich aber Entwarnung geben: Ich bin jedenfalls nicht bunter als vorher. (Wie nennt man diese Turnübung eigentlich? Kniebeugen für Faule? Hinsetzen, aufstehen, hinsetzen . . .)

Die Stühle machen Theater

Stuhl 56 von Fabian Fink: "if they would lower theirstandards, she said." - © Clara Fickl
Stuhl 56 von Fabian Fink: "if they would lower theirstandards, she said." - © Clara Fickl

Der gebürtige Salzburger, der in Wien lebt, sitzt und arbeitet, gibt ebenfalls zu, sich am Anfang "ein bisschen gesträubt" zu haben. Zumindest gegens Designen ("weil ich bin doch Künstler, ich mach Kunst"). Seine abwechslungsreichen Sitzobjekte sind freilich eh ziemlich skulptural, wenn nicht gar figurativ. (Abgesehen davon, dass Stühlen der menschliche Körper, seine Figur, immer automatisch eingeschrieben ist.) Die eine oder andere Rückenlehne starrt einen förmlich an, hat Augen, oder die Armlehnen werden zu oberen Extremitäten. Nummer 51 hat entfernte Ähnlichkeit mit E.T., dem Außerirdischen, Nummer 26 dafür die sprungbereiten Hinterhaxen von einem Känguru. Und eigenwillige Titel von stotternd ("ha ha handsome" – auf Deutsch: "fe fe fesch") bis blumig gereimt ("oleander always under" – Stuhl 31 hat gleich der gesamten Ausstellung ihren Titel gegeben), von geistreich ("grow slow / time is your friend") bis surreal ("Billy": Dies ist kein Sessel, dies ist ein Bücherregal von Ikea?) machen aus dem Ganzen beinah ein absurdes Theater wie Ionescos "Die Stühle", wo für unsichtbare Gäste unentwegt Sitzmöbel herbeigeschleppt werden. Und jeder Besucher darf mitspielen. Oder spielen die sauber aufgereihten Stühle das Publikum?

Stimmt fröhlich und man macht wenigstens ein bissl Bewegung. (Ist also vermutlich sogar gesund.)