Die deutsche Kulturbranche reagiert mit scharfer Kritik auf den am Mittwochabend verkündeten Lockdown. Angesichts der rascheren Ausbreitung des Coronavirus müssen in Deutschland ab dem 2. November Kulturinstitutionen ebenso wie Gastronomie, Freizeit-, - und Sporteinrichtungen für den kommenden Monat schließen. Der Kino-Verband sprach von einer "Katastrophe", der Schauspiel-Verband warnte vor einem "kulturellen Kahlschlag".

Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) kritisierte die geplante Schließung von Theatern als unsinnig. "Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben", heißt es in einem offenen Brief, den der Schauspiel-Verband online veröffentlichte.

"Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel"

In Theatern würden heute deutlich weniger Plätze besetzt als früher. Es gebe nur wenige öffentliche Orte, die so sicher seien, schrieb der Verband. Theater nun zu schließen, obwohl sie "kein Risiko darstellen", sei weder sinn- noch maßvoll. "Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel wird die Folge sein."

Mit ihren massiven Einschnitten in den Alltag der Gesellschaft betreibt die Politik nach Ansicht des Intendanten der Württembergischen Staatstheater auch Symbolpolitik. "Wir werden in Mithaftung genommen für eine Symbolpolitik", sagte der Geschäftsführende Intendant des renommierten Stuttgarter Drei-Sparten-Hauses, Marc-Oliver Hendriks, der Deutschen Presse-Agentur. "Das schmerzt."

Die drohenden Folgeschäden

"Damit fallen Theater als Diskursorte mit einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion aus", kritisierte Hendriks. Dabei gebe es bisher keinen Beleg dafür, dass sich Menschen in Theatern, Opern oder beim Ballett infiziert hätten. "Theater sind sichere Orte", sagte Hendriks. "Es wirkt auf mich vielmehr ein bisschen so, als nehme man die attraktiven Dinge aus den Schaufenstern, nur damit die Leute zu Hause bleiben." Die Politik müsse im Blick behalten, dass ihre Entscheidungen von den Menschen auch akzeptiert werden müssten.

Auch Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters, reagierte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" kritisch: "Bei aller Wertschätzung und dem Wissen um die äußerst schwierige Situation, kann ich die Entscheidung der Politik nicht teilen. Die Folgeschäden sind voraussichtlich verheerend. Es ist die besondere Aufgabe des Theaters, unseren Zuschauern durch die Kraft der Kunst und Musik Zuversicht für die Zukunft zu geben."

Die neue Chefin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, wirft der Politik nach der erneuten Schließung von Theatern "komplette Willkür" vor. In einer Demokratie müssten die Regeln für den Umgang mit der Corona-Seuche verhandelt werden. "Lernen und verhandeln kann man aber nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert wird", sagte Mundel der "Süddeutschen Zeitung"

Was die Kinos betrifft, sagte Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino, gegenüber "Spiegel online": "Eine zweite Schließung führt uns in die Katastrophe. Das bringt Verwerfungen mit sich, die gar nicht absehbar sind und die weit über die Zeit der Schließung hinausführen. Bei uns geht es um die Existenz."

"Die Nachricht ist schockierend für alle Kulturschaffenden. Den Theatern und Opern, denen ohnehin schon viele Einnahmen weggebrochen sind und die sich dem Finanzierungsvorbehalt ihrer klammen Träger ausgesetzt sehen, gehen die umsatzstärksten Wochen verloren", heißt es in einem Kommentar der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Noch bis zum Schluss habe der Deutsche Bühnenverein versucht, diese komplette Schließung zu verhindern mit der immer wieder vorgebrachten Begründung, es sei bislang keine einzige Infektion bekannt geworden, die sich auf den Besuch im Zuschauerraum eines Theaters, einer Oper oder eines Konzertsaals zurückführen ließe.(apa)