Im Endeffekt geht’s doch immer nur um die Marie. Nicht, dass auf der Münze unterm Glassturz in der artmark galerie das Konterfei dieser ominösen Dame drauf wäre (unter der 2000-jährigen Patina, das soll der Kaiser Augustus sein, hallo?), aber ohne Marie ka Musi. GAR keine Kunst. Zum Glück kann man die Sachen hier an den Wänden eh alle kaufen und nicht bloß anschauen, sonst wäre dieser Ort ja geschlossen wie die Museen.

Gab’s da nicht einmal diese flachwitzige Forderung (flach – wie wahr!): "Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!"? Die alten Römer haben die Berge allerdings tatsächlich planiert (ein bissl, in Spanien). Okay, weder aus Höhenangst noch für einen ungestörten Meerblick, nein, allein für die freie Sicht aufs Gold. "Ruina Montium" (der Einsturz der Berge) hieß ihre dem Fracking ähnelnde Bergbau-Methode, nach der Robert Gschwantner nun seinerseits seine Ausstellung benannt hat: Löcher graben, Unmengen an Wasser reinpumpen, bis es das Gestein zerreißt. Obige Münze erinnert übrigens an die Eroberung genau dieses Gebiets mit der später wichtigsten Goldmine im Römischen Reich. Gschwantner: "Hat über zwei Jahre gedauert, bis ich sie gefunden hab." Na ja, immerhin nicht ganz so lange wie der gesamte Kantabrische Krieg (29 bis 19 vor Christus). Und was hat er gezahlt? "Ich glaub, so 360 Euro."

Die Gleichzeitigkeitsmaschine

Die Gier nach Gold hat also eine Landschaft komplett ummodelliert, mit Blut und Wasser getränkt, sie ausgehöhlt, zertrümmert. Andererseits war das wohl kein Totalschaden, schließlich hat erst diese massive Naturzerstörung ein Unesco-Welterbe erschaffen: Las Médulas. (He, vielleicht schaffen es die heutigen Fracking-Gebiete in den USA in 2000 Jahren ebenfalls auf die Welterbe-Liste.) Das Wasser aus einem der dortigen Tümpel hat der Künstler wiederum in PVC-Schläuche hineingespritzt (schon seit Langem erforscht er solche Kulturlandschaften und künstlichen Gewässer), und diese Wasseradern halten jetzt die diversen Ebenen seiner komplexen, vielschichtigen Bildobjekte zusammen, VERSCHNÜREN diese verwirrenden, quasi janusköpfigen Gebilde regelrecht.

Die modern ornamentierte Vorderseite (abstrakte Muster aus Kreisen und schwungvollen Überschneidungen – und überall Lücken zum Durchschauen) ist nämlich zugleich die Rückseite eines altmeisterlichen Gemäldes mit Goldrahmen, das gerade in einen Spiegel blickt. Alles greift unauflöslich ineinander. Das Vorne, das Hinten, Abstraktes und Figuratives, reale und virtuelle Wirklichkeit, antike Mythologie und das eigene Spiegelbild, Gegenwart und Vergangenheit. Ein einziger visueller Strudel, in den man selbst mit hineingezogen wird und der es einem praktisch unmöglich macht, die Stile und Zeiten auseinanderzudividieren.

Ein Opus, bei dem es besonders rundgeht, vergleicht das "Christkindl" (Gschwantner wurde am 24. Dezember 1968 in Steyr geboren) passenderweise mit einer "Zeitmaschine, die grad voll am Arbeiten ist". Oder eigentlich handelt es sich wohl eher um eine geile Gleichzeitigkeitsmaschine. Und wenn man zwischen dem blickdichten Lack und den Folien hindurchspechtelt, erspäht man das Auge von König Midas oder einen goldenen Widderkopf als diffuse Reflexion.

Dann isst der Midas halt mit Besteck

Der mythische König Midas: Seine Unersättlichkeit und Dummheit sind legendär. Was der angegriffen hat, hat bekanntlich nachher keiner mehr essen können, nicht einmal er selbst. Freilich nicht, weil er sich nie die Hände gewaschen hätte, sondern weil sich alles sofort in Gold verwandelt hat. Diese Gabe hat sich der Trottel sogar selber gewünscht, von Dionysos erpresst (als Lösegeld für die Freilassung von dessen Lehrer Silenos), und irgendwann war er dann der Vater einer Goldstatue (nachdem er seine Tochter umarmt hatte) und drohte zu verhungern und zu verdursten. (Und wieso hat er nicht einfach mit Besteck gegessen?) Ein miserabler Musikkritiker soll er ebenso gewesen sein. Oder Apollo war lediglich ein schlechter Verlierer, jedenfalls hat Letzterer bei Ersterem eine Body-Modification vorgenommen, ihm die Löffel langgezogen (ihm Eselsohren gemacht), weil dieser gemeint hat, der Pan spiele viel besser.

Eine Gleichzeitigkeitsmaschine? ("Die Verleumdung des Apelles.") Und in die PVC-Schläuche hat Robert Gschwantner Wasser aus Las Medulas gefüllt. - © artmark galerie
Eine Gleichzeitigkeitsmaschine? ("Die Verleumdung des Apelles.") Und in die PVC-Schläuche hat Robert Gschwantner Wasser aus Las Medulas gefüllt. - © artmark galerie

Und das Goldene Vlies? In die Geschichte rund um das Fell eines fliegenden und sprechenden Widders, der den Phrixos vor der bösen Stiefmutter gerettet hat, woraufhin der Bursch ihn zum Dank irgendeinem Gott geopfert hat, da soll eine alte Goldwäschertechnik aus dem antiken Kolchis mit eingeflossen sein: Schafsfell in den Fluss halten, damit der Goldstaub drin hängenbleibt. Die Argonautensage liest Gschwantner deshalb als Industriespionage-Thriller. Und wie ist das Gold in den Fluss reingekommen? König Midas hat sich dort seinen Fluch abgewaschen.

Verführerische Ästhetik und gründliche Recherche in glücklicher Synthese, wobei das Wasser in den farblosen Schläuchen stumm bezeugt, wie die Marie die Welt nachhaltig verändert. Und die beigefügte antike Preisliste birgt so manche Überraschung. Dass zum Beispiel eine Sklavenhaltergesellschaft (ungebildeter Sklave: 100 Sesterzen, Sklave, der Homer auswendig kann: 100.000 Sesterzen) durchaus linke Ideen haben kann wie etwa eine gesetzliche Mietobergrenze.

Die Linie endet in der Unendlichkeit

Gratis ist aber auch der "Plunder" von Christian Schwarzwald nicht. "Plunder", so wie "Grafflwerk" und Glumpert"? SIND die Zeichnungen ("Zeichnen ist mein Ding") denn Plunder? (Schwarzwald: "Das liegt im Auge des Betrachters.") Und vor allem: Kann etwas, wofür man bis zu 14.000 Euro hinblättert, überhaupt Plunder SEIN? Das hat doch einen exakt definierten Wert, oder? Obwohl: Wenn ein Künstler seine eigene Kunst zum Plunder ERKLÄRT ("Plunder 1 – 13"), IST sie notgedrungen einer, egal für wie wertvoll andere sie halten mögen.

Und wenn er das ENGLISCHE Wort gemeint hat? Für "Plünderung", "Ausbeutung", "Beute"? Zumindest hat er die halbe Galerie erbeutet. Mit Acryl, Kohle, Tusche. Schert sich nicht um die Begrenztheit des Blattes oder der Wände. Lässt die Linie direkt auf der weißen Wand wuchern und wachsen oder zieht Paneele in allerlei Rosatönen sogar über die Fenster. (Wenigstens IRGENDWELCHE rosigen Aussichten.) Führt souverän die ganze Bandbreite dieser elementaren Ausdrucksform vor ("Wir zeichnen alle als Kinder; man lernt durch Zeichnen, die Welt zu begreifen"): von der subjektiven Kritzelei über suggestive Formfindungen und vertraute Strukturen (Wellen . . .) bis hin zum illusionistischen Strich in 3D, der wie ein verzweigtes Rohrsystem vor der Fläche zu schweben scheint und einen Schatten auf diese wirft.

Nein, KEIN Plunder. (Hilft Zeichnen auch, um zu verstehen, warum die Museen zu sind?)