Ein bissl Wal ohne h gefällig? Zur Erholung nach all der aufregenden Wahlberichterstattung und dem Fingernägel verkürzenden Warten auf das endgültige Wahlergebnis? Nicht, dass der h-freie Walkrimi rund um Moby Dick, der seinem Kontrahenten ein Bein abgebissen hat, nicht genauso spannend wäre wie jener MIT h, bei dem es bekanntlich nicht darum geht, wer in den Weißen WAL "einzieht", sondern immerhin darum, wer (hoffentlich im Ganzen, mit all seinen Körperteilen) die nächsten vier Jahre im Weißen Haus wohnen wird.

In der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman schwebt er allerdings still und friedlich im Raum wie das stumme h höchstpersönlich: der unbezwingbare Titelheld von Herman Melvilles Wälzer. (Und das Buch ist selber ein Monstrum: 950 Seiten, 135 Kapitel, und mehr als ein Kilo wiegt es.) Als riesiges Stofftier baumelt er an zwei Seilen vom Plafond, aufgeknüpft mit Seemannsknoten. Das bedeutet natürlich nicht, dass Mai-Thu Perrets Einzelschau langweilig wäre oder gar harmlos. Sie ist bloß subtiler. Außerdem nennt die Schweizerin ihren fast zweieinhalb Meter langen, handzahmen Kuschelwal "Leviathan II". Nach dem jüdisch-christlichen Seeungeheuer.

Matrjoschka – die gebärfreudige Puppe

Ein Statement für die Bewegungsfreiheit? Keramik von Mai-ThuPerret. - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman kunst-dokumentation.com
Ein Statement für die Bewegungsfreiheit? Keramik von Mai-ThuPerret. - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman kunst-dokumentation.com

Das Monster im Kinderzimmer sozusagen. Noch dazu eine endzeitliche Chaos-Bestie. Auf die kann es der schlampige Nachwuchs freilich NICHT schieben, wenn die Mama ihn wieder einmal schimpft, weil er nicht aufgeräumt hat ("Der Leviathan war’s!"). Die "Spielsachen" ("Pièces Enfantines" – kindliche Stücke, so der Ausstellungstitel) liegen aber sowieso nicht unordentlich herum. Schon allein, weil sie zu unhandlich und zu schwer sind, um mit ihnen tatsächlich zu spielen.

Mit den drei Keramikpuppen zum Beispiel. Drei Generationen quasi. Mutter, Tochter, Enkelkind. Und die Mutter ist beinah so groß wie ich. Eine von diesen ineinander verschachtelten, gebärfreudigen russischen Puppen übrigens, wo jede eine kleinere Version von sich selbst gebiert, die wiederum ebenso mit sich selbst schwanger ist. Nur dass die Klone diesmal keine Bäurinnen mit Kopftuch darstellen, fröhlich bunt, sondern schwarz und gesichtslos sind. Eine Matrjoschka zwischen volkstümlichem Fruchtbarkeitskult und Memento mori, zwischen Uterus und Sarkophag. Auf den ersten Blick wirkt eben vieles monströs verspielt, unbeschwert, und vielleicht auch noch auf den zweiten, doch spätestens beim dritten erkennt man die hinterfotzige Ambivalenz.

Spuren im Zen

Ein überdimensionierter, monochrom gelb glasierter "Wandteller": Hier wird der Teig kindlich unbefangen durchgeknetet, wird lustvoll in der Masse gewühlt, der direkte Kontakt mit dem Material gepflegt. Eine handfeste Fingermalerei. Mit reliefhaft sinnlicher Haptik. Mehr ein Action-Grabbing (eine Aktionsgrapscherei) als ein Action-Painting. Der geistreiche Titel stammt dafür aus dem Zen-Handbuch: "In the end you cannot change the fact that ginger is hot." So, so, im Endeffekt kann man also nix dagegen tun, dass Ingwer scharf ist. Hatte ich eh nicht vor. (He, den Satz könnte man dem Donald Trump ins Stammbuch schreiben, Tschuldigung: twittern. Zum drüber Meditieren.) Körper und Geist, vereint in einem gestisch geerdeten Mandala?

Und weil die Ausstellung Hand und Fuß hat, ach was, gleich ZWEI Füße, stehen Letztere in voller Lebensgröße da. (Eigentlich Damen-Trekkingschuhe aus Ton samt Socken – oder Beinstümpfen?) Wie ein Statement zur Bewegungsfreiheit, zur weiblichen Selbstbestimmung. Und denen, die beim Ver-stehen dieses zweiteiligen Opus Starthilfe benötigen, hilft der ausführliche Titel auf die Sprünge: "Where she wants to go, she just goes; where she wants to sit, she just sits." Wo sie hingehen will, geht sie einfach hin, wo sie sitzen will, nimmt sie Platz, basta. (Ups, zuerst hab ich statt "sit" "shit" gelesen. Da war ich der emanzipatorischen Botschaft wohl bereits einen Schritt voraus.) Gehört zur Serie "Les Guérillères", und nicht zufällig heißt ein 1969 erschienener Roman der französischen Schriftstellerin Monique Wittig, die sich selbst als "radikale Lesbe" bezeichnet hat, genauso: Militante Feministinnen bekämpfen das Patriarchat in einem blutigen Geschlechterkrieg mit Messern, Maschinengewehren und Raketenwerfern.

War Moby Dick ein Feminist?

Das tiefgründige Werk von Mai-Thu Perret hat halt diverseste Inspirationsquellen und Bezugspunkte. Literarische, künstlerische, volkskulturelle, spirituelle. Und nicht zuletzt bleibt im Hintergrund immer auch noch ihr Projekt "Crystal Frontier" aktiv, eine fiktionale Geschichte über Aktivistinnen, die in der Wüste eine antikapitalistische, antipatriarchalische Kommune gründen. Die "Bible Drawings" (kontemplative kosmische Kreise) sind ja ebenfalls keine naiven Kinderzeichnungen. Das sind offenbar mystische Weltbilder und erinnern entfernt an die tantrische Bildsprache oder die geometrisch okkulte Kunst von Hilma af Klint, die die Abstraktion noch vor den Männern erfunden haben soll.Moment: Jonas, Pinocchio und Kapitän Ahabs Bein wurden von Walen verschluckt (die sprechende Holzpuppe zwar in Wahrheit von einem Riesenhai, aber wer liest denn noch das Buch, wenn man sich den Zeichentrickfilm von Walt Disney anschauen kann?). Okay, die offensichtliche Vorliebe für männliche Opfer (die ersten beiden haben sie obendrein unversehrt wieder ausgespuckt) lässt jetzt nicht unbedingt den Schluss zu, Wale wären Feministen. Trotzdem.